Wie wertvoll ein Proberaum sein kann

Rhythmus, Selbstvertrauen und eine starke Gemeinschaft – wichtige Stichworte für „Kulturelle Vielfalt in Bewegung“, ein Projekt, das sich vorwiegend an Kinder aus Unterkünften für Geflüchtete richtete. Es zeigte sich, wie wichtig ein Proberaum ist.

Corona-konform sitzen die Teilnehmenden weit auseinander bei den Proben beim „Capoeira“, dem nonverbalen Kommunikationstanz aus Brasilien.

Corona-konform sitzen die Teilnehmenden weit auseinander bei den Proben beim „Capoeira“, dem nonverbalen Kommunikationstanz aus Brasilien. 

Kulturzentrum IÊALEMBRASIL e.V.

In wöchentlichen Gruppen sowie in Ferienworkshops ist es in den Jahren 2019 und 2020 gelungen, Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren, die vorwiegend in Unterkünften für Geflüchtete untergebracht sind, neue kulturelle Perspektiven zu eröffnen und ihnen Erfolgserlebnisse mit auf den Weg zu geben. Herzstück war die „Capoeira“, ein Kampf-Tanz aus Brasilien, bei dem klare Regeln vorgeben, wie ein „Spiel“ zwischen den zwei Gegnern abläuft. Los ging es mit wiegenden Begrüßungsschritten, die schon den Kleinsten sofort gelangen und die das Gruppengefühl stärkten. Je länger die jungen Capoeiristas dabei waren, desto kunstvoller und akrobatischer wurden die Bewegungselemente, die ein gutes Körper- und Rhythmusgefühl verlangen. „Die Capoeira-Bewegungen sind wie eine wortlose Unterhaltung, sie verlangt Intuition, Empathie und Aufrichtigkeit. Deshalb eignet sich der Tanz hervorragend dazu, Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenzubringen“, sagt Julia Dalmer. Sie engagiert sich im Kulturzentrum IÊALEMBRASIL e.V. in Berlin für das Sichtbarmachen und die Stärkung von kultureller Vielfalt, vor allem der afro-brasilianischen Kultur.

Kinder haben die Quilombo-Gemeinschaften in kleinen Landschaften nachgebildet. Sie wurden zu wichtigen Räumen der Zuflucht und zum Symbol des Widerstands gegen die Sklaverei.

Kinder informieren sich in der Ausstellung „Reise ins Quilombo“ über die Gemeinschaften entflohener Sklavinnen und Sklaven in Brasilien. Das war im Jahr 2019, als Gruppen noch unbeschwert zusammenstehen konnten. 

Kulturzentrum IÊALEMBRASIL e.V.

Das erste Projekt fand 2019 statt, in einer Flüchtlingsunterkunft in Kreuzberg. „Anfangs haben wir dort auf dem Gelände wöchentliche Kurse angeboten. Das hatte zwar den Vorteil der kurzen Wege. Allerdings auch den Nachteil, dass einige Kinder oftmals nur für zehn, zwanzig Minuten dabei waren. So entstand eine gewisse Unruhe. Das wollten wir dann abstellen, wir brauchten einen festen Ort für die Kinder und den Tanz. Zum Glück haben wir tolle Bündnispartner, die über eine entsprechende Infrastruktur verfügen, sodass wir nachsteuern konnten.“ Zu den Bündnispartnern zählt die Albatros GmbH, ein Träger der Flüchtlingsunterkünfte, der Quartiermanagement-Verein „Wassertor“ sowie das Familienzentrum „Ritterburg“ in Kreuzberg, dessen Räume unkompliziert zur Verfügung gestellt wurden. „Für die Kinder war es etwas Besonderes, die Unterkunft zu verlassen. Dadurch, dass sie sich extra auf den Weg gemacht haben, bekam der wöchentliche Kurs eine andere Bedeutung, eine andere Wertigkeit.“

Neben den Tanzübungen haben die Teilnehmenden auch Instrumente selbst gebaut. Für die Capoeira ist der „Berimbau“ (ein Musikbogen) ein wichtiges Instrument. Er wird aus einem gebogenen Holzstock gefertigt, an dessen beiden Enden ein Draht als Saite befestigt ist. In Brasilien dient ein aufgeschnittener, ausgehöhlter Flaschenkürbis als Resonanzkörper. „Da es schwierig ist, die notwendige Art Flaschenkürbisse in Berlin aufzutreiben, haben wir ähnliche Utensilien im Baumarkt besorgt, aus denen sich die Instrumente fertigen lassen“, beschreibt Julia Dalmer. Die Kinder konnten weitere Perkussionsinstrumente wie Congas oder Cabasas (Gefäßrasseln) ausprobieren.

Kinder haben die Quilombo-Gemeinschaften in kleinen Landschaften nachgebildet. Sie wurden zu wichtigen Räumen der Zuflucht und zum Symbol des Widerstands gegen die Sklaverei.

Kinder haben die Quilombo-Gemeinschaften in kleinen Landschaften nachgebildet. Sie wurden zu wichtigen Räumen der Zuflucht und zum Symbol des Widerstands gegen die Sklaverei.

Kulturzentrum IÊALEMBRASIL e.V.

Parallel zur Musik und zur Bewegung ist die Ausstellung „Reise ins Quilombo“ entstanden. Als „Quilombos“ bezeichnet man die Gemeinschaften entflohener Sklavinnen und Sklaven in Brasilien. „Diejenigen, die aus den Kaffee- und Zuckerrohrplantagen fliehen konnten und sich der Gewalt und der Ausbeutung des Kolonialsystems widersetzten, sammelten sich in den entlegenen Wäldern Brasiliens und bildeten dort die Quilombo-Gemeinschaften. Sie wurden zu wichtigen Räumen der Zuflucht und zum Symbol des Widerstands gegen die Sklaverei“, erläutert Julia Dalmer. „Das Thema Flucht und Zuflucht ist bei unseren Teilnehmenden natürlich nah an der eigenen Erfahrungswelt.“ Für die Ausstellung wurden kurze Informationstexte zusammengetragen. Die jüngeren Teilnehmenden fertigten Exponate an, um das Leben im „Quilombo“ zu veranschaulichen.

Neben dem festen Raum als Anlaufstelle außerhalb der Flüchtlingsunterkunft gab es einen weiteren starken Motivationsfaktor. „Die Aussicht, am Ende des Kurses das Erlernte auch in einem schönen Rahmen zu präsentieren, war für die Kinder sehr wichtig“, schildert Julia Dalmer. So sind die Kinder 2019 etwa beim „Markt der Akteure“ aufgetreten, einem interkulturellen Stadtteilfest der Berliner Bezirke Kreuzberg und Friedrichshain. Das Folgeprojekt „Kulturelle Vielfalt bleibt in Bewegung“ wurde im vergangenen Jahr mit ähnlichen Bündnispartnern im Berliner Bezirk Prenzlauer-Berg organisiert – und mit ähnlichem Erfolg!

Förderer: Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen e.V. (BV NeMO e.V.)