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Wie das Stadtschloss nach Hellersdorf kam

talentCAMPus – Deutscher Volkshochschul-Verband e.V.

„Ich fand es toll, selbst etwas zusammenzubauen“, sagt Leonie. „Die Dachpappe festzunageln, war ganz schön schwierig, aber ich habe es geschafft.“ Darauf ist die Zehnjährige aus Berlin-Hellersdorf ziemlich stolz. Mit 20 anderen Jungen und Mädchen hat Leonie an dem Sommerferien-Programm „Ich bau mir ein Schloss“ teilgenommen. Das dreiwöchige Projekt fand im Rahmen von „Kultur macht stark“ statt. Programmpartner war der Deutsche Volkshochschul-Verband.

Tatsächlich ist das „Schloss“ der Sommerferien-Kinder ein Gartenhaus aus dem Baumarkt. Zusammengebaut, bemalt, mit Stuck und anderem Zierrat verschönert von Leonie und dem Rest der Truppe. Ideen holten sich die Kinder und ihre Betreuer in Museen und echten Schlössern in der ganzen Stadt. Dabei ließen sie sich auch von der Berliner Großbaustelle am Standort des alten Stadtschlosses inspirieren, dem künftigen Humboldt-Forum.

Ein echtes Gemeinschaftsprojekt

Initiiert wurde das Projekt mit Bewohnern, Kulturschaffenden und Institutionen das Büro für Konzeptentwicklung und Kulturemanzipation articipate!. „Am Fachgebiet Denkmalpflege des Instituts für Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin habe ich mich mit Zusammenhängen von Kultur und Stadt beschäftigt und Konzepte zur kulturellen Teilhabe entwickelt“, erzählt Andreas Sternberg, Gründer und Geschäftsführer von articipate!. „Die Museen sind für alle Bürgerinnen und Bürger da. Das heißt auch, nicht zu warten, bis alle Menschen auch vom Stadtrand ins Museum kommen, sondern zu ihnen zu gehen und sie zu befähigen, sich aktiv in den Museen zu beteiligen“, erklärt Verena Pfeiffer-Kloss, Stadtforscherin und articipate!-Mitarbeiterin. Nach ehrenamtlichen Projekten im vergangenen Jahr wollte das Team unbedingt weitermachen. „Aber es war klar, dass wir eine Finanzierung für einen professionellen Rahmen brauchen“, sagt Valentin Bentele, ausgebildeter Heilerziehungspfleger und bei articipate! unter anderem für die pädagogischen Aspekte zuständig. Deshalb suchte sich articipate! Bündnispartner und bewarb sich um die „Kultur macht stark“-Förderung.

Herausgekommen ist ein echtes Gemeinschaftsprojekt. Neben der Stiftung Stadtmuseum Berlin beteiligen sich auch drei Vor-Ort-Initiativen aus Hellersdorf: die Jugendfreizeiteinrichtung U5, das Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf und der Verein KIDS & Co. „Man kann nur etwas bewirken, wenn man mit den bestehenden Netzwerken in den Bezirken zusammenarbeitet“, ist Bentele überzeugt. Über die Bündnispartner hinaus ist „Ich bau mir ein Schloss“ fest im Kiez verankert: Ein junger Handwerker, der um die Ecke wohnt, hat das Holz-Schloss auf Rollen gesetzt. Die Alice Salomon Hochschule hat Räume auf dem „Kastanienboulevard“, einer Fußgängerzone in Hellersdorf, kostenfrei zur Verfügung gestellt. Der Fleischer nebenan versorgte die erwachsenen Projektteilnehmer mit Kaffee. „Oft kamen auch Nachbarn vorbei und haben uns Tipps zum Handwerken gegeben“, erzählt Pfeiffer-Kloss.

Und die Kinder? Hailie (12) ist ehrlich: „Ich habe gedacht, dass es etwas langweilig wird, mit Museumsbesuchen und so.“ Und, war es so? „Nein.“ Das Mädchen lacht. Sie würde am liebsten noch einmal drei Wochen dranhängen. Ihr hat besonders der Blick von der Humboldt-Box auf den Berliner Dom gefallen. „Da war ich vorher noch nie.“

Hailie war mit ihren Zweifeln am Projekt nicht alleine: „Ein paar Kinder waren angemeldet und kamen dann nicht. Als wir nachgehakt haben, hat sich herausgestellt, dass die Eltern Vorbehalte hatten und dachten: Kultur, das ist doch langweilig für Kinder“, erzählt Bentele. Überrascht hat ihn das nicht: „Es ist genau diese Skepsis, die wir aufbrechen wollten. Und das ist uns gelungen.“ Viele Eltern hätten sich beim nachmittäglichen Abholen bedankt und gefreut, dass die Kinder so viel Spaß hatten. „Wenn die Kinder glücklich sind, sind die Eltern es auch“, so Bentele. Er erinnert daran, dass 42 Prozent der Menschen im Quartier Transferleistungen vom Staat beziehen. Umso wichtiger war es, dass das Ferienprogramm als „Kultur macht stark“-Projekt kostenlos angeboten werden konnte.

Das Projekt als Brücke in die Kieze

Für Dr. Claudia Gemmeke, Abteilungsdirektorin vom Forum der Stiftung Stadtmuseum sind Projekte wie das in Hellersdorf eine wichtige „Brücke zwischen der Hochkultur und dem, was in den Kiezen passiert“. Diese Art Kooperationen ermöglichen es dem Stadtmuseum in Mitte, die Verbindung zu den Stadtteilen zu halten. „Wir möchten diese Formen der Zusammenarbeit gerne weiterführen und ausbauen“, so Gemmeke. Den Anspruch, ein Museum für die ganze Stadt zu sein, könne eine Einrichtung nicht alleine, sondern nur gemeinsam mit Partnern vor Ort umsetzen.

Gemeinsam gefeiert wurde auch das Ende der Sommerferien und des Projekts Anfang September in Hellersdorf: mit einem Fest auf dem „Kastanienboulevard“, zu dem die teilnehmenden Kinder, ihre Familien, Hellersdorfer Nachbarn und alle Bündnispartner eingeladen waren. Präsentiert wurde dabei natürlich auch das inzwischen von den Kindern farbenfroh bemalte „Schloss“. Künftig dient es als Ausstellungsort für die Kunstwerke der Ferienkinder – ein ganz eigenes Museum also. Das Projekt wird übrigens fortgeführt: Das nächste talentCampus-Ferienangebot ist für die Herbstferien geplant. Luise und Hailie möchten dann auch wieder kommen.

Weitere Infos finden Sie hier: www.ich-bau-mir-ein-schloss.de
Bilder: articipate!