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Welt aus Phantasie und Noten

„Wo die wilden Kerle wohnen“ – Junge Oper am Rhein, Education


Aus dem Zimmer dringen laute Geräusche: Es fiept, brummt, scheppert. Dazwischen johlen Kinder. Die AG „Wilde Kerle“ macht ihrem Namen alle Ehre. Dabei ist dies ein Projekt der Deutschen Oper am Rhein. Halt – jetzt ist eine Oboe aus dem Durcheinander herauszuhören. Und das Lachen eines Kindes. Aus Lärm wird Musik, aus chaotischem Ausprobieren eine Klangcollage. In dem Hort in Duisburg-Hochfeld wird an einem Hörspiel gearbeitet und zwar an einem ganz besonderen.

Das berühmte Kinderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“ liefert die Geschichte für die Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren. Die wunderschön gezeichnete Erzählung stammt aus dem Jahr 1963, ihr Autor ist der Amerikaner Maurice Sendak. Sie handelt von Max, der sich nach einem Streit mit der Mutter auf eine Insel träumt und dort zum Anführer einer Bande haariger Monster wird. Das Buch ist auch Vorlage einer Kinderoper, die gerade an der Deutschen Oper am Rhein aufgeführt wird. Um die Kinder zur Oper hinzuführen, hat die Abteilung Education der „Jungen Oper am Rhein“ das Projekt entwickelt.

Oper – nicht Opa
Gemeinsam mit der Caritas Duisburg und dem Tonstudio „Bunkeretage 2 e.V.“ entstand in sechs Monaten ein Hörspiel zur Oper. Akaash spielt den Max, Mandalina und Emily seine Schwestern. In der Duisburger Version dreht sich alles um drei Kinder, die von ihren Eltern bestraft werden und sich gegenseitig vom Land erzählen, wo die wilden Kerle wohnen. Sie entfliehen in eine Phantasiewelt, kehren jedoch am Ende dorthin zurück, wo ihre Mutter ihnen Sicherheit und Liebe gibt.

Die Kinder stammen zum Großteil aus Familien, in denen wenig Deutsch gesprochen wird. Auch sie selbst haben viele Probleme mit der Sprache. Beim Wort Oper dachten viele von ihnen erst an ihre Großväter. Doch nach und nach wuchsen sie in die Welt aus Phantasie und Noten hinein.


Projektleiterin Anja Fürstenberg von der Jugendabteilung des Opernhauses beobachtete fasziniert, wie die Kinder sich Buch, Oper und Hörspiel näherten. „Ein Junge war immer sehr still. Auf einmal, als wir im Tonstudio waren, sagte er: Ich will auch mal lesen“, berichtet sie. Der Junge las mit fester Stimme und schöner Betonung. Die perfekte Besetzung für eine Hörspielrolle war gefunden.

Knapp 20 Kinder wirkten am Hörspiel mit – alle freiwillig, denn die AG fand außerhalb des Unterrichts am Nachmittag statt. „Es sind Kinder, die schnell frustriert sind, wenn etwas mal nicht klappt“, sagt Anja Fürstenberg. Dann fangen sie an, mit dem Freund oder der Freundin zu kabbeln, oder sie stürmen aus dem Hortzimmer.“ Die fremde Welt der Oper übte jedoch einen großen Reiz auf sie aus. Bei einem solchen Projekt dabei zu sein, das war neu. “Wir sind ins Tonstudio gefahren und haben in einer Führung das Theater Duisburg erkundet. Das wollten sie sich nicht entgehen lassen“, sagt die Projektleiterin. Solche außergewöhnlichen Unternehmungen sind die Kinder aus dem Duisburger Norden nicht gewohnt.

Doch auch die Idee hinter der Erzählung „Wo die wilden Kerle wohnen“ spornte sie an. Was stört euch? Was sind eure Themen? Das waren die Leitfragen im Projekt. Dass die Antworten von Herzen kommen, ist im Hörspiel zu hören. „Ich spring und brüll, so wie ich will. Was meine Mutter sagt, ist mir egal“, ruft der Rap-Chor aus Almir, Yozguur und Sahildeep. Die Zehnjährigen waren schon an der Schwelle zur Pubertät. „Sie wollten keine Szenen zum Thema Familie entwickeln“, erzählt Anja Fürstenberg. Jedes Kind fand den Raum, den es suchte.

Nicht jedem gefiel die Musik
Es entstand ein 23-minütiges Hörspiel, das mal künstlerisch-frei, mal sehr nah an der Vorlage die Geschichte erzählt und dabei die Gefühle der Kinder wiedergibt. Doch es entwickelte sich noch mehr: Die Kinder besuchten auch die Oper „Wo die wilden Kerle wohnen“.

„Nicht jedem gefiel die Musik, doch jedes Kind verstand, wie viel Arbeit und wie viel Mühe in so einer Aufführung stecken“, sagt Anja Fürstenberg. Ihre große Achtung vor der Leistung auf der Bühne konnte sie daran erkennen, dass die Kinder bei der Aufführung mucksmäuschenstill waren. Als der Vorhang fiel, baten sie darum, dass das Projekt fortgesetzt wird. „Und in die Oper wollten sie auch unbedingt wieder gehen.“


www.operamrhein.de