„Theater ist eine unmittelbare Erfahrung“

Auf welchen (Um-)Wegen können junge Menschen das Theater entdecken? Und was nehmen sie aus dieser Begegnung mit? Darüber haben wir mit Rebecca Hohmann, Künstlerische Leiterin der Kinder- und Jugendtheatersparte am Theater Bremen, gesprochen.

Teilnehmende am durch Kultur macht stark geförderten Projekt

Jörg Landsberg

Frau Hohmann, Sie arbeiten seit 20 Jahren im Kinder- und Jugendbereich am Theater Bremen und sind im Vorstand der ASSITEJ Deutschland, dem Netzwerk der Kinder- und Jugendtheater, tätig. Warum liegt Ihnen gerade das junge Theater am Herzen?

Ich mag es sehr, für junges Publikum Theater zu machen, weil ich es als neugierig und offen wahrnehme. Wenn wir es schaffen, Kinder und Jugendliche durch unsere Kunst zu berühren oder auf andere Art zu erreichen, entstehen intensive Begegnungen – während der Vorstellung und auch bei den Publikumsgesprächen danach, die wir am Theater Bremen anbieten. Da findet oft ein sehr offener Austausch statt. Auch weil wir Themen aus der Alltagswelt der jungen Menschen aufgreifen, ob Familie, Freundschaft oder gesellschaftspolitische Fragen wie aktuell im Stück „Aus dem Nichts“, das auf dem Film von Fatih Akin über die NSU-Mordserie basiert.

Sind es diese persönlichen Begegnungen, die das Theater für junge Menschen – trotz vieler alternativer Medienangebote – heute noch relevant machen?  

Das gemeinsame Erlebnis in der Gruppe ist etwas Besonderes, ebenso die Interaktion mit den Menschen auf der Bühne. Das kann man nicht mit anderen Medien vergleichen. Ich denke, das Theater wird dadurch sogar immer bedeutsamer. Wir erleben einen wachsenden Zuspruch. Dabei hilft, dass Schulklassen in Bremen kostenfreien Eintritt in die Vormittagsvorstellungen haben, was einzigartig in Deutschland ist. Aber Jugendliche verabreden sich auch abends mit der Clique, um sich Stücke des Moks, unseres Jugendtheaters, anzusehen.

Erleichtert es den Zugang, wenn dabei Kinder und Jugendliche auf der Bühne stehen?

Ja, bei Stücken, in denen Kinder und Jugendliche – unsere „Jungen Akteure“ – mitspielen, ist es für das junge Publikum vielleicht einfacher, sich mit dem Geschehen auf der Bühne zu identifizieren. Generell ist es in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, Kinder und Jugendliche in künstlerische Prozesse einzubinden. Indem sie den Raum erhalten, ihre Ideen auf der Bühne umzusetzen, aber auch, indem wir das Publikum in die Vorstellungen einbeziehen. Wir experimentieren dabei viel, zum Beispiel mit interaktiven Formaten.

Das Theater Bremen hat zahlreiche „Kultur macht stark“- Projekte gemeinsam mit Bündnispartnern umgesetzt. Welche Wege haben Sie gefunden, um junge Menschen, die zuvor wenig Berührung mit Theater hatten, zu erreichen?

Zunächst ist es wichtig, dahin zu gehen, wo die Kinder und Jugendlichen zuhause sind. Das sind meist Stadtteile fernab des Theaters, zu denen man mithilfe der lokalen Bündnispartner einen guten Zugang findet. Wir veranstalten zum Beispiel Stadtteilinszenierungen und versuchen, dabei auch unsere „Jungen Akteure“ aus dem Zentrum einzubinden. Genauso eröffnen wir ihnen aber auch vielfältige Wege in das Theater. So werden bei vielen Projekten die Teilnehmenden zu Proben eingeladen. Bei einem Projekt haben Kinder zum Beispiel als Jury-Mitglieder einen Preis bei einem Theaterfestival verliehen. Ein anderes Mal haben wir sie als Expertinnen und Experten in die Konzeption eines interaktiven Theaterstücks, einem Parcours mit verschiedenen Stationen, eingebunden. Aktuell „kapern“ Jugendliche im Projekt „Unser Haus“ wöchentlich das Theaterfoyer und erarbeiten ganz frei eigene Performances.

Teilnehmende am durch Kultur macht stark geförderten Projekt

Jörg Landsberg

Was ist, neben interessanten Konzepten, noch wichtig für den Erfolg eines Projekts?

Dass sich die Theateranleitenden und die Teilnehmenden um Verständnis füreinander bemühen. Bei längerfristigen Projekten wünschen sich die Anleitenden etwa, dass die Kinder und Jugendlichen kontinuierlich an den Proben teilnehmen, denn Theater lebt von der Wiederholung. Oft müssen die Teilnehmenden aber erst erfahren, dass Beständigkeit für ein befriedigendes Ergebnis wichtig ist. Wir haben daher schon viele unterschiedliche Formate ausprobiert. Für eine Straßeninszenierung wurden zum Beispiel viele kleine Szenen erarbeitet und später zu einem Ganzen zusammengefügt. Das hat das Proben erleichtert. Wir bieten aber auch sehr offene Projekte an, wie derzeit einen wöchentlichen Workshop, bei dem der Ein- und Ausstieg jederzeit möglich ist. Bei allen Projekten ist nicht zuletzt die Verpflegung wichtig, damit sich die Teilnehmenden rundum versorgt fühlen. Manchmal fließt das sogar in die Inszenierungen ein: Dann wird gemeinsam mit dem Publikum gegessen.

Welche Erfahrungen nehmen die Teilnehmenden aus diesen Projekten mit?

Theater ist eine unmittelbare Erfahrung: Es gibt nichts, wohinter ich mich verstecken kann, kein Instrument, kein gemaltes Bild. Ich bin da auf der Bühne, mit meiner Persönlichkeit, meiner Sprache, meinen Bewegungen. Das ist ein einschneidendes Erlebnis, das sehr tief wirkt. Und sie können die Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler anders wertschätzen, wenn sie selbst erfahren haben, was Theaterspielen mit ihnen macht. Außerdem stärkt es die Kinder und Jugendlichen, dass sie im Projekt ernst- und wahrgenommen werden.

Kann das Theater – über die Teilnahme am Projekt hinaus – so auch ein Teil der Alltagswelt der Kinder und Jugendlichen werden?

Mit einem Projekt allein ist das meist schwierig. Wir stehen in der Verantwortung, weitere Angebote zu machen. Es dürfen keine „Eintagsfliegen“ sein. Was Kontinuität bewirkt, sehen wir bei einem unserer Bündnisse, das im Bremer Stadtteil Obervieland seit Jahren immer wieder neue Projekte mit großer Resonanz anbietet. Eine große Rolle spielt dort auch die Einbindung der Eltern, die ihre Kinder beispielsweise zu Vorstellungen in anderen Städten begleiten. Eine solche Unterstützung macht es einfacher, dranzubleiben. Auch zeigen wir den Teilnehmenden, was für Angebote es hier am Theater noch für sie gibt. Wir freuen uns natürlich über alle, die bei uns „eine künstlerische Heimat“ finden. Manches wird sich aber vielleicht erst zu einem späteren Zeitpunkt in ihrem Leben zeigen. Wichtig ist erst einmal, dass möglichst viele junge Menschen in Kontakt mit kulturellen Angeboten kommen. Nur so haben sie die Wahl, sich bewusst dafür oder dagegen zu entscheiden. 

Rebecca Hohmann kam 1999 als Dramaturgin ans Theater Bremen. 2004 übernahm sie die künstlerische Leitung der Kinder- und Jugendtheatersparte. Dazu gehören das Moks, dessen professionelles Ensemble im Jahr circa 120 Vorstellungen für junges Publikum spielt, die Abteilung „Junge Akteure“, in der Kinder und Jugendliche selbst Theater spielen, sowie der Bereich Theaterpädagogik, der vorrangig Inszenierungen in Schulen vermittelt. Die Kulturwissenschaftlerin ist zudem seit sechs Jahren Mitglied im Vorstand der ASSITEJ Deutschland, dem Netzwerk der Kinder- und Jugendtheater in Deutschland. Dort ist sie Ansprechpartnerin für „Wege ins Theater“, mit dem die ASSITEJ als langjährige Programmpartnerin von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ Theaterprojekte fördert. 

Seit Einführung des Förderprogramms hat das Theater Bremen gemeinsam mit lokalen Bündnispartnern 17 Projekte für „Kultur macht stark“ durchgeführt – über „Wege ins Theater“ sowie über „Zur Bühne!“, dem Förderangebot des Deutschen Bühnenvereins. Pro Spielzeit nehmen zwischen 60 und 100 Kinder und Jugendliche an den Projekten teil.

Weitere Informationen
„Junges Theater Bremen“ 
„Wege ins Theater“ 
„Zur Bühne!“