Rote Karte gegen Rassismus

So geht Fair Play: Jugendliche in Gelsenkirchen haben in zwei „Kultur macht stark“-Projekten Filme gedreht, die ein starkes Zeichen gegen Diskriminierung und für Diversität setzen. Ein Rückblick mit Fotografin und Filmemacherin Ulrike Korbach.

Ein alter Konflikt neu inszeniert

Ein alter Konflikt neu inszeniert

Ulrike Korbach

Frau Korbach, Sie haben mit dem Kunstreich im Pott e. V. und weiteren Partnern zwei „Kultur macht stark“-Projekte gemeinsam mit der Theaterpädagogin Charlotte Zilm umgesetzt. Die Projekte bringen Filmkunst, Fußball und das Thema Rassismus zusammen. Wie kam es dazu?

Ulrike Korbach: Wir möchten mit unserem Verein, in dem sich Künstlerinnen und Künstler verschiedener Sparten engagieren, gesellschaftliche Prozesse anstoßen. Einer unserer Schwerpunkte sind Kunst- und Kulturprojekte mit Kindern und Jugendlichen, die in der Regel auch einen sozialen Bezug haben. Über persönliche Beziehungen sind wir vor einigen Jahren in Kontakt mit der Schalker Fan-Initiative gegen Rassismus und Diskriminierung gekommen. Daraus ist 2017 ein erstes „Kultur macht stark“-Projekt in Gelsenkirchen entstanden, zwischen 2018 und 2019 ein weiteres.

Hatten die Teilnehmenden einen persönlichen Bezug zu den Themen Diskriminierung und Rassismus? Waren sie möglicherweise selbst davon betroffen? 

Wir haben in beiden Projekten mit Jugendlichen aus verschiedenen Integrationsklassen des Berufskollegs am Goldberg, dem ehemaligen Eduard-Spranger-Berufskolleg, gearbeitet. Die Teilnehmenden waren größtenteils Geflüchtete und nahezu alle hatten bereits erschreckenderweise Erfahrungen mit diskriminierendem Verhalten ihnen gegenüber gemacht. In der Ansprache der Jugendlichen stand zunächst der künstlerische Ansatz im Vordergrund, also die Einladung, gemeinsam einen tollen Film zu drehen. Einige haben sich aber auch bewusst wegen des politischen Themas für die Teilnahme entschieden. Über ihre jeweiligen Erfahrungen haben wir uns auch in den Treffen ausgetauscht, soweit das die zum Teil recht unterschiedlichen Sprachkenntnisse zuließen.    

Schwarz gegen Weiß: Ausschnitt aus dem Tanz- und Musik-Clip

Schwarz gegen Weiß: Ausschnitt aus dem Tanz- und Musik-Clip

Ulrike Korbach

Was für Filme sind in den Projekten entstanden?

Im ersten Projekt haben die Jugendlichen einen Kurzfilm zu der Frage „Was ist eigentlich typisch deutsch?“ entwickelt und umgesetzt. Darin versucht eine junge multikulturelle Fußballmannschaft, die deutscheste aller deutschen Mannschaften zu werden. Die Teilnehmenden haben viele persönliche Erfahrungen in das Drehbuch eingebracht, ob mit deutscher Pünktlichkeit und Esskultur oder Gartenzwergen und Hausmeistern. Am Ende ist ein humorvoller Film entstanden, der Klischees hinterfragt und zum Schluss kommt: Der Kern des Deutschen ist der Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Der Film, in dem die ehemaligen Schalke-Spieler Gerald Asamoah und Martin Max in Gastrollen auftraten, wurde zum Projektabschluss im Gelsenkirchener Kino Schauburg uraufgeführt.

Beim zweiten Projekt haben Sie dann einen anderen künstlerischen Ansatz gewählt. 

Genau, wir haben uns dem Thema über Tanz und Musik genähert. Die Idee dahinter war, dass so mögliche Sprachbarrieren umgangen werden. Herausgekommen ist ein Videoclip, der den Konflikt zwischen Schwarz und Weiß symbolisch anhand eines Fußballspiels zwischen zwei Mannschaften zeigt. Im Laufe des Videos wird aus den Gegnern ein Team. Den Text zum Song „Eine Welt ohne Rassismus, das ist unser Ziel“, der im Video zu hören ist, hat einer der Teilnehmenden selbst verfasst. Wer nicht vor der Kamera stehen wollte, konnte sich an anderen Stellen in die Filmarbeit einbringen. So ist zum Beispiel auch die Musik in einem Workshop mit interessierten Teilnehmenden entstanden. 

Schluss- und Schlüsselszene aus dem Film „Typisch deutsch?“

Schluss- und Schlüsselszene aus dem Film „Typisch deutsch?“

Ulrike Korbach

Welche Bilanz ziehen Sie aus den Projekten?

Das erste Projekt und der entstandene Film haben viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Für die Jugendlichen war das ein tolles Ergebnis, unter anderem auch, weil sie ihre Dialoge auf Deutsch gesprochen haben. Einige von ihnen haben danach an weiteren Kulturprojekten teilgenommen, etwa ein Mädchen, das sehr viel Freude im Umgang mit der Kamera entwickelt hatte. Beim zweiten Projekt haben wir festgestellt, dass vielen Jugendlichen das Tanzen vor der Kamera nicht unbedingt einfacher fiel als das Sprechen. Ich beobachte generell, dass junge Menschen heute eine viel größere Sensibilität für ihre Wirkung in der Öffentlichkeit haben, sie fürchten, dass auf YouTube und Co. ein peinlich wirkendes Video erscheinen könnte. Eine Tänzerin, die als Honorarkraft involviert war, hat daher mit den Jugendlichen  behutsam ganz einfache Schritte eingeübt und die Aufnahmen gemeinsam besprochen. Mit dem fertigen Video waren dann alle sehr zufrieden.

Für 2020 hatten Sie als Bündnis ein weiteres Filmprojekt geplant. Doch dann kam Covid-19 dazwischen.

Ja, wir wollten gemeinsam mit Jugendlichen mit und ohne Fluchthintergrund ein Mini-Festival zum Thema Rassismus, Diskriminierung und Menschenrechte auf die Beine stellen. Wir hatten schon begonnen, erste Filme dafür zu sichten und zu besprechen. Für viele war es der erste Kontakt mit dem Konzept des Filmfestivals. Daher wollten wir im nächsten Schritt gemeinsam ein Festival besuchen. Das fand wegen Corona dann allerdings nur online statt und wir mussten schnell feststellen, dass es schwierig war, die gemeinsamen Treffen, gerade auch wegen der Sprachbarrieren, digital fortzusetzen. Durch die Schulschließungen müssen die Jugendlichen jetzt zudem viel nachholen. Wir sind aber mit ihnen in Kontakt und dabei, gemeinsam Ideen für die Fortsetzung unseres Projektes zu entwickeln.

Den Kurzfilm „Typisch deutsch?“ können Sie sich auf dem Blog der Schalker Fan-Initiative gegen Rassismus und Diskriminierung anschauen. Im Projekt haben das DGB-Haus der Jugend Gelsenkirchen, die Schalker Fan-Initiative e. V., das Berufskolleg am Goldberg und Kunstreich im Pott e. V. zusammengearbeitet. Förderer war der Bundesverband Soziokultur e. V. (ehemals: Bundesvereinigung soziokultureller Zentren), der sich mit „Jugend ins Zentrum“ als Programmpartner bei „Kultur macht stark“ engagiert. Mehr Informationen dazu finden Sie unter jugend-ins-zentrum.de.

Der Tanz- und Musik-Clip ist auf YouTube zu sehen. Neben dem Kunstreich im Pott e. V. engagierten sich erneut die Schalker Fan-Initiative und das Berufskolleg am Goldberg als Bündnispartner. Gefördert wurde das Projekt im Rahmen von „Movies in Motion“ durch den Programmpartner Bundesverband Jugend und Film e. V. Nähere Informationen zum Förder-angebot gibt es unter moviesinmotion.bjf.info.