Oper mit Einhörnern und Kokosnüssen

Im Händel-Haus in Halle, dem Geburtshaus des berühmten Barockkomponisten, haben Kinder eine Ferienwoche lang ein musikalisches Märchenspiel erarbeitet: mit magischen Wesen und zauberhaften Klängen.

Kinder sitzen auf dem Fußboden in einer Reihe und hören der Pianistin zu, die über ihr Instrument spricht.

Doris Behm

Cembaloklänge und klassischer Gesang, das ist im Händel-Haus in Halle an sich nichts Ungewöhnliches. Für das Dutzend Kinder zwischen sieben und neun Jahren, die an diesem Ferientag dem Spiel zweier professioneller Musikerinnen lauschten, allerdings schon. Die musikalische Darbietung an verschiedenen Tasteninstrumenten war einer der Höhepunkte der Woche, die die Mädchen und Jungen im Geburtshaus des Barockkomponisten verbrachten. „Bei der Live-Aufführung saßen die Kinder mit offenen Ohren und offenen Mündern da. Die meisten von ihnen hatten so etwas noch nie erlebt“, berichtet Gudrun Müske vom Händel-Haus. Die Museumspädagogin hat die musikalische Ferienwoche gemeinsam mit der Diplom-Designerin Doris Behm gestaltet.

Für die Umsetzung des Projekts, das vom Deutschen Bühnenverein gefördert wurde, hat die Stiftung Händel-Haus Halle mit der Grundschule Diemitz im Ostteil der Stadt und dem Caritas Halle e. V. zusammengearbeitet. „Die beiden Bündnispartner haben für das Projekt gezielt Kinder aus Familien angesprochen, die es finanziell schwer haben, etwa weil viele der Eltern alleinerziehend sind und von staatlicher Unterstützung leben“, erzählt Gudrun Müske. Das Händel-Haus in der Innenstadt ist für die Kinder mit dem Nahverkehr nicht so leicht zu erreichen. Daher übernehmen die Bündnispartner den Fahrdienst. 

Rhythmusspiele und Klangexperimente

Kinder sitzen auf Stühlen und machen Rhythmus- und Bewegungsübungen

Doris Behm

Die Tage im Händel-Haus begannen für die Kinder mit Rhythmus- und Bewegungsspielen zum Kennenlernen und Aufwärmen. „Durch die tägliche Wiederholung prägt sich das Gelernte ein und fördert auf spielerische Weise die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten. Gleichzeitig werden Motorik und Koordination aktiviert“, erklärt Gudrun Müske, die aus vielen Jahren Erfahrung in der musikpädagogischen Arbeit schöpft. Natürlich stand auch ein Museumsrundgang auf dem Programm, bei dem die Kinder mehr über das Leben und Wirken Händels und über historische Instrumente erfuhren. An einem virtuellen Theatermodell und in kurzen Filmsequenzen konnten sich die Kinder darüber hinaus anschauen, was überhaupt eine Oper ist – nämlich eine mit Musik erzählte Geschichte.

Gemeinsam mit Gudrun Müske haben sich die Kinder dann ihre eigene Geschichte zum Thema „Abenteuer im Zauberwald“ ausgedacht. Die Mädchen und Jungen haben sich eine magische Figur ausgesucht und dazu eine Puppe – eine Röhre und ein Kugelkopf aus Pappe – nach eigenen Vorstellungen modelliert und mit Farbe, Stoff und anderen Materialien gestaltetet. „Am Ende hatten wir gleich mehrere Einhörner und Feen dabei, aber auch einen Riesen, einen Zwerg und einen sprechenden verzauberten Fuchs“, berichtet Gudrun Müske. Das kunstpraktische Gestalten war eine gute Abwechslung zur Kopfarbeit, die beim Entwickeln von Texten für die Rollen und bei der musikalischen Gestaltung gefragt war. „Wir haben uns überlegt, wie die Figuren wohl klingen könnten. Die Kinder experimentierten mit verschiedensten Instrumenten: zum Beispiel mit Rasseln und Klangbausteinen, Gong und Xylophon und anderen Orff-Instrumenten“, erzählt die Museumspädagogin. Dabei fanden sie heraus, dass sich Einhorngetrappel prima mit Kokosnusshälften imitieren lässt und beim Zupfen einer afrikanischen Kalimba zarte Feenklänge ertönen. Die Kinder erlebten so grundlegende akustische und rhythmische Erfahrungen wie laut und leise, hoch und tief, langsam und schnell. 

Zwei Kinder beim Gestalten ihrer Handpuppen mit Stoffen

Doris Behm

Eine Woche Kultur pur

Die einzelnen Bausteine wurden nach und nach zusammengesetzt, bis Handlung, musikalische Begleitung und Bewegungsabläufe übereinstimmten. Jede und jeder hatte eine Rolle gefunden und spielte sie auch. „Für die Kinder war das durchaus ein intensiver Prozess, mit der starken Erfahrung am Ende: ‚Ich kann etwas!‘.“ Davon konnten sich auch die Eltern und Großeltern überzeugen, die bei der Aufführung zu Gast waren und hinterher von den Veränderungen bei den Kindern berichteten, wie etwa dem gewachsenen Selbstvertrauen. „Die Kinder sind während der Woche völlig in die Welt der Musik und des Theaters eingetaucht“, freut sich auch Gudrun Müske. „Sie haben viele Fragen gestellt, ob im Museum oder mittags auf dem Weg zur Kantine, der durch die Innenstadt und an vielen Sehenswürdigkeiten vorbeiführte.“ Zum Abschluss haben alle Teilnehmenden neben ihrer gestalteten Figur auch eine von Designerin Doris Behm individuell zusammengestellte Fotogirlande mit nach Hause genommen, als bleibende Erinnerung an die gemeinsame Zeit.

Unter dem Titel „Zur Bühne“ fördert der Deutsche Bühnenverein bei „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ außerschulische Theater-, Tanz- und Musikprojekte für Kinder und Jugendliche zwischen drei und 18 Jahren, die einen erschwerten Zugang zu Bildungsangeboten haben. Die Angebote vermitteln den teilnehmenden Kindern und Jugendlichen das Erlebnis von kollektivem Erarbeiten, Entwickeln und Präsentieren. Sie gewinnen soziale Kompetenzen und mehr Verantwortungsbewusstsein, stärken ihre Identität und können ihre Persönlichkeit entfalten.

Weitere Informationen finden Interessierte auf der Website des Deutschen Bühnenvereins.