Musizieren ab dem ersten Tippen

Digitale Technologien bieten neue Möglichkeiten in der kulturellen Bildung. Marc Godau, Professor für Musikpädagogik und Musikdidaktik, im Gespräch über die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen beim Musizieren mit Apps.

Herr Prof. Dr. Godau, Sie geben neben Ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit auch Appmusik-Workshops für Kinder und Jugendliche. Wie erleben Sie die Teilnehmenden dabei?

Porträt von Prof. Dr. Marc Godau

Prof. Dr. Marc Godau

Alexander Klebe

Bei der Arbeit mit den Musikapps gibt es oftmals weniger Berührungsängste als bei traditionellen Instrumenten. Die Bedienung der Geräte ist meist bekannt, etwa wie eine App zu öffnen und was zu tun ist, um Klänge zu erzeugen. Allerdings heißt das nicht, dass dadurch das gemeinsame Musizieren oder Songschreiben leichter, einfacher und schneller ist. Aber die Teilnehmenden der Workshops müssen nicht erst motorische Hürden überwinden, also etwa erst lernen, wie Akkorde auf einer Gitarre zu greifen oder mit einem Geigenbogen angenehme Töne zu erzeugen sind. Ein großer Vorteil der Arbeit mit Apps ist daher: Die Teilnehmenden gelangen oft viel schneller ins Musizieren hinein, das ermöglicht andere Projekte und führt zu starken Aha-Erlebnissen wie: „Oh, ich kann das ja!“ oder „Cool, ich kann Klänge von verschiedensten Instrumenten produzieren. Das wollte ich schon immer mal.“ Die Kinder erleben sich von der ersten Minute an selbst als musizierend – und das ist für viele oft eine ganz neue Erfahrung.

Welche weiteren Lernerfahrungen ermöglichen solche Projekte?  

Projekte mit Musikapps fördern sehr stark eine kritisch-ästhetische Auseinandersetzung mit Musik und der eigenen Kreativität. In den Kursen wird sehr häufig von Anfang an als Band oder als Ensemble gearbeitet. Somit müssen die Teilnehmenden sofort untereinander aushandeln, was sie wie musizieren wollen, was gut klingt, wie der Arbeitsprozess organisiert werden kann, wer welche Rolle übernimmt. Da viele körperliche Hürden gar nicht erst auftauchen, diskutieren die Teilnehmenden häufiger gleich zu Beginn angeregt und reflektieren über ihre musikalisch-ästhetischen Prozesse und Produkte: „Welche Sounds brauchen wir, um den Song zu machen, den wir machen wollen? Passt ein gewählter Sound zu dem, was die anderen Instrumente machen? Wer hat eine Idee oder kann jemandem helfen?“ Wenn die Musik der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen zum Gegenstand der Projekte wird, lernen sie auch ihre eigene Lieblingsmusik besser kennen: „Warum klingt etwa der Hip-Hop, den ich mag, so wie er klingt?“ Aus der Erfahrung heraus, dass ihre Musikkultur wertgeschätzt wird, öffnen sie sich auch eher gegenüber anderen Musikpraxen oder akzeptieren, dass für andere Menschen andere Musikrichtungen wichtig sind. Das sehe ich als zentrale Chance von Appmusik-Projekten: Die Förderung vielfältiger Musik in einer vielfältigen Welt, wodurch Räume für Individualität geschaffen werden und Menschen aufeinander zugehen.

Wie sind Sie selbst zur digitalen Musik gekommen?

Ich arbeite seit langem im Bereich der Pop-Didaktik, da gelangt man früher oder später in Kontakt mit digitalen Technologien. Mit Appmusik beschäftige ich mich seit 2010. Einen großen Einfluss hatte dabei mein Kollege Matthias Krebs. Wir haben gemeinsam im Berliner DigiEnsemble Musik mit Apps live auf Bühnen gemacht, haben 2014 die Forschungsstelle Appmusik und 2016 den app2music e. V. gegründet, der AGs an Berliner Schulen anbietet und seit 2018 als Initiative bei „Kultur macht stark“ gemeinsam mit Bündnispartnern bundesweit Appmusik-Projekte durchführt. In einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundprojekt haben wir außerdem zusammen mit der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel den Zertifikatskurs „tAPP – Musik mit Apps in der Kulturellen Bildung“ entwickelt, erprobt und evaluiert. Dabei handelt es sich um eine Weiterbildung für Musikerinnen und Musiker, die für eine Nutzung von Apps in außerschulischen Bildungsprojekten professionalisiert werden sollen. Zurzeit forsche ich als Kooperationspartner und externer Teilprojektleiter in allen Projekten des Verbundprojekts „Musikalische Bildung mit mobilen Digitaltechnologien (Mubitec)“ des Bundesforschungsministeriums.

Kritische Stimmen wenden ein, dass die jungen Menschen in Appmusik-Kursen noch mehr von ihrer Freizeit am Smartphone verbringen. Wie sehen Sie das?

Jungen mit Kopfhörern machen Musik mit Tablets, Aufnahme von oben

Gregor Fischer

Meiner Meinung nach kann man das nicht vergleichen, denn sie machen ja etwas grundlegend anders: Sie nutzen zwar Smarttechnologien wie Tablets, aber statt etwa über WhatsApp zu chatten, musizieren sie zum Beispiel mit der App SoundPrism. Musikmachen ist doch etwas völlig anderes als beispielsweise das Schauen von Videos auf YouTube. Es ist ein kreativer Lernprozess, der durchaus herausfordernd für die Kinder und Jugendlichen ist, in dem sie in der Gruppe agieren und Entscheidungen treffen müssen. Und natürlich braucht es motorische Feinfühligkeit, um auf der Glasoberfläche eines Tablets Musik zu machen. Auch gibt es zum Beispiel Apps, bei denen man mit Bewegungen des Körpers Sounds oder Lautstärken verändert.

Andere befürchten, digitale Technologien in der Musik könnten die herkömmlichen Instrumente verdrängen oder die Lust nehmen, ein „echtes Instrument“ zu erlernen.

Niemand, der sich ernsthaft mit Musikapps auseinandersetzt, würde behaupten, dass wir jetzt alle auf Apps umsteigen. Das wäre genau das Gegenteil von dem, was ich vorhin über die Förderung von Vielfältigkeit gesagt habe. Auch dürfen die über 50.000 Musikapps, mit denen man heute musikalisch umgehen kann, gar nicht mit traditionellen Instrumenten verglichen werden. Sie sehen in den meisten Fällen völlig anders aus, müssen anders gespielt werden und haben andere Sounds. Man darf also nicht verwechseln: Man kann mit einem Tablet ebenso wenig Klavier spielen, wie man elektronische Musik auf dem Klavier machen kann. Viele Apps sind Instrumente, keine halben Instrumente oder Präinstrumente. Das Musizieren auf Tablets und anderen Geräten soll also nicht traditionelle Musikinstrumente ersetzen, es erweitert vielmehr das Spektrum möglicher musikalischer Umgangsformen und bringt ganz neue Musikpraxen hervor. Musikpädagogisch kann das gerade auch im Hinblick auf Inklusion eine große Chance sein: Apps eröffnen Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen andere Formen der Partizipation. Und daneben unterstützen digitale Technologien schon lange das Lernen herkömmlicher Instrumente: So gibt es Apps, die beim Lernen des Klavierspiels helfen, indem sie Lernerfolge rückmelden und neue Formate präsentieren.

Was sind wichtige Faktoren, damit ein Appmusik-Projekt gelingt?

Eine Grundvoraussetzung ist, dass die musikpädagogischen Fachkräfte Apps überhaupt erst einmal als geeignet wahrnehmen und Berührungsängste vor Technologien durch die Gewissheit ersetzen, dass Apps wie alle Technologien widerspenstig sind. Sie lassen sich mal nicht öffnen, funktionieren nicht wie erwartet oder verlangen im unpassenden Moment – etwa mitten im Konzert – ein Update. Davon sollte man sich genauso wenig beirren lassen wie von einer gerissenen Gitarrensaite. Entscheidend ist auch eine Fähigkeit, die jeweils passende App für ein Projekt zu finden. Es gibt wie erwähnt unzählige Apps und täglich kommen neue dazu. Keine App ist dabei wie die andere, jede hat ihr spezifisches Design. Es gilt also eine Fähigkeit auszubilden, die „Musikdidaktik“ der App zu verstehen. Nicht jede App kann die eigenen Vorstellungen umsetzen. Tutorials und Blogs, etwa von app2music oder musik-mit-apps.de, bieten gute Anregungen und können dabei helfen, die richtige App zu finden, um zum Beispiel selbst aufgenommene Klänge in einem Song zu verarbeiten oder um gemeinsam zu musizieren. Ganz wichtig ist auch eine vollständige Technikausstattung. Ein Set Tablets reicht nicht, es braucht unter anderem auch Kopfhörer, Mischpulte und Adapter.

Was für Appmusik-Projekte gibt es aktuell in der Praxis?

Tatsächlich habe ich in meiner Forschung festgestellt, dass es in den Projekten primär um das Erfinden von Musik, also weniger ums Zuhören oder Nachspielen geht. Die Teilnehmenden entwickeln in einem kreativen Prozess eigene Songs, Klangcollagen, Beats oder Kompositionen. Interessant fände ich, wenn es in Projekten darüber hinaus auch Raum für andere Erfahrungen gäbe, wie etwa zu Musik Videos zu drehen oder schlicht die Musik und das Farbspiel einer App auf einem Tablet zu genießen. Nicht jede und jeder muss gleich eine Musikerin, ein Musiker werden. Zur kulturellen Bildung gehört auch das bewusste Erleben von Musik. Kinder und Jugendliche sollten die Chance erhalten, in Projekten einfach eine gute Zeit zusammen zu haben. 

Marc Godau ist Professor für Musikpädagogik an der Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam. Er studierte Musik und Deutsch auf Lehramt und arbeitete danach als Lehrer und Dozent an allgemeinbildenden und weiterführenden Schulen sowie in der kulturellen Bildung. Seit 2007 ist er als Dozent an mehreren Hochschulen und Universitäten sowie in der musik-pädagogischen Fort- und Weiterbildung tätig. Er ist zudem Mitbegründer des app2music e. V., Programmpartner bei „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“, und der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste (UdK) Berlin.

Weiterführende Informationen
Kontakt und weitere Informationen zu Prof. Dr. Godau
Informationen zur Initiative „app2music.DE“ des app2music e. V. bei „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“