Mach ein Drama draus!

Autorenpatin Rike Reiniger hat in der Schreibwerkstatt „Mach ein Drama draus!“ ein Jahr lang Berliner Jugendliche auf kreative Weise ans Verfassen eigener Texte herangeführt. Inspirationen holte sich die Gruppe bei Ausflügen in der Hauptstadt. 

Portrait Rike Reiniger

Autorenpatin Rike Reiniger: Die Berliner Schrifstellerin begeisterte Berliner Jugendliche ein Jahr lang für das literarische Verdichten von Alltagsbeobachtungen.

Lenka Grossmannova

„Sprache ist künstlerischer Ausdruck für das eigene Sein, eine Möglichkeit, sich mit der Wirklichkeit ganz persönlich auseinanderzusetzen. Das habe ich versucht, den Jugendlichen zu vermitteln.“ Die Berliner Theaterautorin Rike Reiniger zeigte Jugendlichen 2019 ein Jahr lang schrittweise, wie das reale Leben um sie herum als Quelle für fiktionale Texte dienen kann: „Die Realität ist oft so absurd, so komisch, wie man es nicht erfinden kann.“ Ihre Schreibwerkstatt bot den Zwölf- bis 18-Jährigen einen Mix aus gemeinsamen Ausflügen in zuvor unbekannte kulturelle Kosmen und 16 „Wörterwelten“-Samstagen, an denen sie jeweils fünf Stunden lang unter Anleitung texteten.  

Initiiert und geleitet wurde das Projekt durch den Friedrich-Bödecker-Kreis, der auch bundesweit „Wörterwelten“ organisiert und Autorenpatenschaften vermittelt. Um mit einem Dutzend Jugendlichen gemeinsam literarisch zu arbeiten, brauchte es einen Ort, an den man kreativ sein und sich zurückziehen konnte: Der Bündnispartner Jugendkunstschule Fri-X Berg beherbergte die Gruppe in seiner gemütlichen Leselounge mitten in Kreuzberg. Dritter im Bündnis war der sozial- und kulturpolitisch engagierte KLAK-Verlag. Er unterstützte das Bündnis mit Kontakten zu Multiplikatoren im Bildungsbereich und kulturellen Veranstaltern, über die wiederum unter anderem ein erster Zugang zu den Jugendlichen hergestellt werden konnte. Eine große Herausforderung solcher Workshops ist erfahrungsgemäß, Zugang zu interessierten Jugendlichen zu finden und sie zur regelmäßigen Teilnahme zu motivieren. Rike Reiniger sprach dafür Lehrkräfte von Willkommensklassen in Brennpunktschulen an und ging auf Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in Kulturverbänden zu. Durch einen Mix aus spannenden Veranstaltungsbesuchen und originellen Schreibaufgaben gelang es ihr, den Spaß am kollektiven Schreiben bei den Jugendlichen über das ganze Jahr hinweg lebendig zu halten. Das dabei entstandene Gruppengefühl beschreibt Rike Reiniger folgendermaßen: „So groß die Unterschiede von außen betrachtet sein mögen – sie sind alle Berliner Jugendliche mit einem gemeinsamen Interesse: dem Schreiben.“

Cover des digitalen Buchs Nr. 137 mit Kurzgeschichten von Berliner Jugendlichen aus der „Wörterwelten“-Schreibwerkstatt

Cover des digitalen Buchs Nr. 137 mit Kurzgeschichten von Berliner Jugendlichen aus der „Wörterwelten“-Schreibwerkstatt

Friedrich-Bödecker-Kreis

Der kreative Part startete mit humorvollen Kurztexten über Alltagserlebnisse bei den Jugendlichen zu Hause – aus der ungewöhnlichen Perspektive einer Lasagne oder eines Kapuzenpullis geschildert. Weiter ging es mit spontan zu textenden Dialogen. Dann wurden Konflikte, die die Gruppe auf der Straße beobachtet hatte, zu surrealen Minidramen zugespitzt: Welche Katastrophen kann ein außer Kontrolle geratener Rollkoffer auslösen? Wie könnte der Streit zwischen dem Paar in der U-Bahn enden? Wie das Gespräch zwischen dem BVG-Sicherheitsbeauftragten und dem Akkordeonspieler weitergehen?

Wer sich durch literarisches Schreiben in unterschiedliche Sichtweisen und Ausdrucksformen hineindenkt, so Rike Reinigers Erfahrung, wird selbstbewusster im Formulieren eigener Gedanken und Ziele. Um weitere Impulse für den kreativen Prozess zu setzen, besuchte die Gruppe unterschiedliche kulturelle Orte in Berlin wie zum Beispiel die Staatsoper Unter den Linden und die Studios des rbb. Auf den dortigen Führungen konnten die Jugendlichen selbstbewusst ihre Fragen stellen – für viele von Ihnen eine neue Erfahrung in einer ungewohnten Umgebung. Langfristig fördere Schreiben auch Offenheit und Toleranz, weiß die Autorin: „Ein Jahr lang beobachtete Realität literarisch zu verdichten und sich kulturelle Orte zu erobern öffnet den Horizont für alles, was zwischen Menschen passieren kann – im Guten, wie auch, wenn es aus dem Ruder läuft.“

Berliner Jungautorinnen und -autoren – Momentaufname aus einer „Wörterwelten“-Werkstatt

Berliner Jungautorinnen und -autoren – Momentaufname aus einer „Wörterwelten“-Werkstatt

Rike Reiniger

Das größte Erfolgserlebnis der Nachwuchsautorinnen und -autoren mit unterschiedlichen Muttersprachen war die vom KLAK-Verlag vermittelte Lesung aus ihrem „Mach ein Drama draus!“-Buch auf einer wissenschaftlichen Tagung des Leibniz-Zentrums Allgemeine Sprachwissenschaft zum Thema „Mehrsprachigkeit – Übergänge im Bildungssystem“ in der Humboldt-Universität im November 2019. „Bei dieser wissenschaftlichen Veranstaltung in einem altehrwürdigen Saal auf der Bühne zu stehen und ihre eigenen Texte vorzutragen: Das war eine totale Mutprobe für alle, egal ob vor zwei Jahren in Deutschland angekommen oder als Kind der dritten Generation in Neukölln geboren“, schildert Rike Reiniger den gelungenen Abschlussauftritt.

2020 beschritten einige Jugendliche den durch die Schreibwerkstatt gebahnten Weg weiter: Zwei der Teilnehmerinnen nahmen auf Anregung der Autorenpatin Kontakt zum Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur „LesArt“ auf und sind inzwischen Mitglieder der dort angesiedelten Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Die vierzehnjährige Helin nahm im September an der öffentlichen Lesung „Kinderbuchautorinnen lesen für MORIA“ teil – neben sechs erwachsenen Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Ihre Kurzgeschichte handelte von einem geflüchteten Mädchen in ihrer Klasse, dem sie ein herzliches Willkommen bereitet hatten. Eines der Bildungsziele des „Kultur macht stark“-Programmes löste Helin damit ein: mutig die eigene Stimme zu erheben.

Der Friedrich-Bödecker-Kreis organisiert bundesweit Lesungen, Begegnungen mit professionellen Autorinnen und Autoren und Schreibwerkstätten, in denen Schreibprofis bis zu einjährige Patenschaften für eine Gruppe Jugendliche übernehmen. Gemeinsame Exkursionen zu Theateraufführungen und Lesungen ergänzen diese „Wörterwelten“-Workshops. Am Ende entsteht aus den gesammelten Texten ein digitales Buch wie zum Beispiel „Mach ein Drama draus!“. Weitere Informationen zu den Bündnispartnern und den Ergebnissen der Tagung er-halten Interessierte auf
www.boedecker-buendnisse.de/woerterwelten/berlin-mach-ein-drama-draus
www.klakverlag.de
www.frixberg.de
www.leibniz-zas.de/de/das-zas/aktuelles/details/news/162-wissenschaftler-geben-senat-handlung