Szene aus dem Theaterstück

Luther, Dicker!

Zur Bühne – Deutscher Bühnenverein - Bundesverband der Theater und Orchester


Den christlichen Reformator Martin Luther mit dem Superhelden Batman zu vergleichen, darauf muss man erst mal kommen. Vielleicht gaben Luthers schwarze Messegewänder den Ausschlag? Der Titel des Theaterstücks „Einer wie Batman“ geht jedenfalls auf einen Witz zurück, den ein Jugendlicher während der Proben machte. Jetzt hat Batman sogar einen kleinen Gastauftritt im Stück – aber eigentlich geht es um Luther. Sein Leben. Sein Wirken. Seinen Nachhall in Deutschland 500 Jahre nach der Reformation.

Die großen Jubiläumsfeierlichkeiten in Sachsen-Anhalt brachten die Theaterpädagogin Annette Kuß auf die Idee zu diesem Projekt. Aus dem Gedanken „Was genau feiern wir hier eigentlich?“ und der Auseinandersetzung mit der deutsch-christlichen Vergangenheit entsprang die Fragestellung: Was brauchen Menschen eigentlich, um sich – wie bei der Reformation – auf Neues einzulassen? Mit diesem philosophischen Überbau im Kopf entwickelten 18 Mädchen und Jungen ab 14 Jahren mit Anette Kuß ein Theaterstück, das sich auf ganz eigene Art mit dem Leben und Wirken von Martin Luther beschäftigt. Die Bühnenbildnerin Rina Rosenberg unterstützte bei der Entwicklung der Bühnenbilder und Kostüme. Für die Umsetzung des Projekts waren das Theater Magdeburg, die Sekundarschule A.S. Puschkin aus Oschersleben und das Landesinstitut für Schulqualität als Bündnis verantwortlich.

Authentische Sprache
Der Batman-Auftritt ist bereits ein Hinweis darauf, wie offen und experimentell es zuging. „Herausgekommen ist eine Collage aus Luthers Themen, die versucht, möglichst oft authentische Sprache der Kinder und Jugendlichen zu nutzen“, erklärt Kuß. Passt ja auch zu einem Mann, der gerne im Zusammenhang mit „Ärschen“ und „verzagten Fürzen“ zitiert wird. Durch die ungekünstelte Sprache hat die vermeintlich jugendferne Thematik einen starken Bezug zur Lebenswirklichkeit von jungen Menschen heute. Es geht kaum um die Kirche oder historische Diskurse zu Zeiten Luthers. Vielmehr hat die Theatergruppe vier positive und vier negative Dauerthemen herausdestilliert, die mit Erneuerung und mit Luthers Leben zu tun haben: Zusammenhalt, Hoffnung, Freiheit und Liebe auf der einen Seite; Macht, Mobbing, Angst und Fehler machen auf der anderen.

Neue Rollen ausprobieren
Der  Zehntklässler Vincent Weber schildert seine Erfahrungen so: „Ich spiele einen Anführer-Typen, der alle zu etwas antreibt und passende Argumente beiträgt. Die Rolle passt auch im realen Leben zu mir.“ Für andere Szenen war er allerdings gezwungen, sich zu verstellen: „Ich musste einen traurigen und zerstörten Menschen spielen.“ Für Vincent, der nach der Schule eine Ausbildung als Elektroniker anpeilt, war die Theaterwelt Neuland. „Ich fand es einfacher, Filme zu schauen.“ Nachdem er nun selbst ein Stück mitproduziert und aufgeführt hat, sagt er: „Was da alles dazugehört, was für eine Belastung es sein kann, sowas auf die Beine zu stellen – ich sehe Theaterstücke mit komplett anderen Augen!“

Nachdenken über Religion
Sein Blick auf Religion hat sich durch das Stück dagegen kaum verändert, sagt Vincent. „Ich bin mir religiöser Traditionen ein wenig bewusster geworden, aber das war‘s auch schon.“ In seiner Familie sei niemand gläubig, erzählt er, aber er habe viele katholische Freunde. Bei Anna Kubrat, die im Gegensatz zu Vincent schon Musical-Erfahrung aus der Musikschule mitbrachte, klingt das ein bisschen anders. „Ich gehe jetzt offener mit Religion um“, sagt sie – auch wenn sie selbst nicht glaube. Glauben oder nicht glauben, das ist hier die Frage, auch für die Generation von Pädagogin Kuß. Ihr Vater sei Atheist, ihre Mutter undogmatische Protestantin. „Mit dem Thema Religion zwischen diesen beiden Polen setze ich mich schon ziemlich lange auseinander.“

Vertrauen und Selbstvertrauen
Die erfahrene Pädagogin arbeitet seit Jahren immer wieder mit Kindern und Jugendlichen. Sie findet es wichtig, offen für neue Vorschläge, für Überraschungen zu bleiben. Da ist sie wieder, die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Eine Erneuerung gab es bei einigen Mitgliedern des jungen Ensembles offenbar auch auf charakterlicher Ebene. Annette Kuß klingt ein wenig stolz, als sie berichtet: „Einige Kinder waren wahnsinnig schüchtern, fast wie unsichtbar. Die haben irgendwann aufgemacht!“ Erst lernten die Kinder und Jugendlichen, was sie können – dann zu zeigen, was sie können. Neben dem Selbstbewusstsein sei auch das Gemeinschaftsgefühl gewachsen, der Respekt vor anderen. In Kuß‘ Worten: „Man kann auch mit Leuten klarkommen, die man nicht so mag.“ Oder frei nach Martin Luther: „Dicker, durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe, und der Mensch wird besser.“


Mehr Infos über das große Jubiläumsjahr zur Reformation gibt es auf www.luther2017.de

Fotos: Angelina Drews