Kinderzimmer in Bananenkisten

In Weimar beschäftigen sich Kinder im Bauhaus-Jubiläumsjahr mit der Stilrichtung: Sie bauen „den idealen Stuhl“, richten sich ihr Traum-Kinderzimmer ein und lernen ganz nebenbei jede Menge über den Bauhaus-Gedanken.

Teilnehmende erstellen einen Film.

Ein Bauhaus-Stuhl als Trickfilmstar. 

Yasmina Budenz

Vor 100 Jahren wurde in Weimar das Staatliche Bauhaus gegründet. Zum Jubiläum gibt es viele Projekte und Veranstaltungen in der thüringischen Stadt. „Die meisten Angebote sprechen Erwachsene an“, sagt Yasmina Budenz. „Aber Bauhaus gehört eben auch zum Lebensumfeld von Kindern und zur Tradition der Stadt, in der sie leben“, erläutert die Kunst-, Museums- und Medienpädagogin vom Verein Mini-Verlag der Buchkinder Weimar e. V. So entstand die Idee, im Jubiläumsjahr ein „Kultur macht stark“-Projekt zum Thema Bauhaus zu initiieren. Klar war von Anfang an: „Es sollte nicht so spießig werden. Da Kinder immer gerne experimentieren, sind wir auf die Idee gekommen, mit ihnen Kompetenzen mittels des Bauhaus zu erwerben, und zwar auf verschiedenen Niveaus, um unterschiedliche Altersgruppen ansprechen zu können.“ Die Teilnehmenden von „bauhausKINDER – kunst und handwerk“ sind zwischen sechs und elf Jahren alt. Neben dem Mini-Verlag gehören die Other Music Academy (OMA) und die Gustav-Steinacker-Grundschule Buttelstedt im Landkreis Weimarer Land zum Bündnis. 

Offenes Angebot für Kinder aus Weimar und Umgebung

Den Partnern ist wichtig, auch Teilnehmende aus dem ländlichen Raum um Weimar herum anzusprechen. „An unseren Verein wurde in der Vergangenheit oft herangetragen, dass es im Umland von Weimar an Kulturangeboten für Kinder mangelt. Darauf wollten wir reagieren“, sagt Yasmina Budenz. Damit auch die Kinder, die nicht in Innenstadtnähe wohnen, am Projekt teilnehmen können, wurden die Eltern mit ins Boot geholt: Sie bildeten Fahrgemeinschaften und bringen die Kinder zu den Räumen des Mini-Verlags, wo das Projekt stattfindet.

Von realisierbar bis futuristisch

Los ging es im Mai, seitdem können interessierte Jungen und Mädchen noch bis Ende des Jahres zweimal die Woche sowie an ausgewählten Wochenend- und Ferientagen an dem Projekt teilnehmen. Es handelt sich um ein offenes Angebot, die meisten kommen jedoch regelmäßig. 15 bis 20 Kinder ist die durchschnittliche Teilnehmerzahl. Doch wie bringt man so jungen Teilnehmenden eine Stilrichtung wie Bauhaus nahe? „Über allem steht die Entwicklung des perfekten Kinderzimmers“, schildert Budenz das Projekt-Konzept. Am Anfang wurden den Jungen und Mädchen Fragen gestellt: Was wünschst du dir für ein Zimmer, um dich wohlzufühlen? Was braucht ein Raum, damit du genug Bewegungsfreiheit hast? „Dadurch ist bei den Kindern quasi der Kreativmotor angesprungen. Es kamen ganz viele Ideen, von bodenständig bis futuristisch.“ Tapetenmuster wurden entworfen, Bananenkisten zu Kinderzimmern dekoriert, Ideen für den idealen Kinderstuhl gesammelt. „Und dann kam das Handwerk dazu, quasi als Tool, mit dem die künstlerischen Ideen der Kinder auch umgesetzt werden können.“ Dafür stehen den Teilnehmenden Experten und modernste Technik zur Verfügung: Beispielsweise haben sie in der Werkstatt zuerst Pappmodelle für ihre Stühle gebaut und dann gemeinsam mit einem Produktdesigner am 3-D-Drucker ihre eigenen Modelle aus Filament, einem speziellen Kunststoff für den 3-D-Druck, gefertigt. Dieser Arbeitsschritt war auch für die Erwachsenen sehr beeindruckend: „Wie die eigene Idee plötzlich als reales Produkt wächst und vor einem steht, das ist ein wahnsinnig spannender Prozess. Das wird keiner von uns vergessen, diese Erinnerung bewahrt man“, so Budenz. Denn darum geht es der Projektleiterin auch: dass die Kinder etwas mitnehmen vom Bauhaus-Projekt. Deshalb hat sie sich ganz besonders darüber gefreut, dass einige Kinder berichtet haben, dass sie – als Folge des Projekts – gemeinsam mit ihren Eltern das neue Bauhaus-Museum besucht haben. Und zwar auf Initiative der Kinder, die mit ihren Eltern die neuen Erfahrungen und das frischerworbene Wissen teilen wollten. „So werden die Kinder auch zu Kulturübermittlern. Das ist natürlich toll, weil bei den meisten Familien so ein Museumsbesuch nicht auf dem Programm steht.“     

Tapeten mit Stil: Druckwerkstatt beim Projekt in Weimar.

Tapeten mit Stil: Druckwerkstatt beim Projekt in Weimar.

Yasmina Budenz

Es geht um Handwerk – und Wertschätzung

Die Entstehung der Stühle – von der Skizze, über Pappgebilde bis zum 3-D-Modell – halten die Kinder in einem Trickfilm fest, der mit selbst arrangierter Musik unterlegt wird. Auch dafür hat sich das Bündnis Fachleute herangeholt, Trickfilmer und Filmmusiker unterstützen die Projektarbeit. „Uns ist es wichtig, den Kindern gute Qualität bei den Materialien und den Werkzeugen anzubieten und sie durch Fachleute anzuleiten. Es geht auch um Handwerk, das wir hier vermitteln und es hat etwas mit Wertschätzung zu tun.“ Dass einiges von dem hängen geblieben ist, was Projektleiterin und Fachleute in den letzten Monaten vermittelt haben, zeigen die Rückmeldungen der Kinder und kleine Episoden wie diese, geschildert von Yasmina Budenz: „Neulich habe ich zu Louis gesagt: Denk dran, weniger ist mehr. Das war nämlich eine wichtige Maxime im Bauhaus. Da dreht er sich um und sagt: ,Jaja, das hat Mies van der Rohe immer gesagt.‘ Das war für mich ein toller Moment.“ Louis ist übrigens acht Jahre alt. 

Talente entdecken, Selbstvertrauen entwickeln

Das Projekt „bauhausKINDER – kunst und handwerk“ läuft noch bis Dezember. Die Ergebnisse, also die Stühle und die zu Kinderzimmern gestalteten Kisten, aber auch Tapetenmuster und andere Arbeiten rund um Raumgestaltung, werden Anfang 2020 in einer Ausstellung in den Räumen der OMA zu sehen sein und später in der Stadtbibliothek. Deshalb sind Teilnehmende und Projektleiterin schon etwas aufgeregt. „Wenn man so lange an etwas arbeitet, ist die Präsentation eine wichtige Sache“, weiß Yasmina Budenz. Überhaupt geht es ihr in dem Projekt darum, den Kindern zu vermitteln, was sie alles können. „Viele kennen ihre Talente gar nicht. Diese zu entdecken gibt ihnen Selbstvertrauen.“ 

„BauhausKINDER – kunst und handwerk“ wird von der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e. V. im Rahmen von „Jugend ins Zentrum!“ gefördert. Ziel der Förderung sind Projekte, bei denen sich Kinder oder Jugendliche aktiv in einer künstlerischen Disziplin erproben und eine eigene Kunstproduktion entwickeln und präsentieren können. Die Bundesvereinigung ist seit 2018 Programmpartner von „Kultur macht stark“ und engagiert sich für Angebote kultureller Bildung für Kinder und Jugendliche mit erschwerten Zugängen zu Bildung, Kunst und Kultur.


Weitere Informationen finden Sie auf jugend-ins-zentrum.de.