„Ich vermittle Sprache, Kommunikation und Kultur“

Bahhareh Karimi, als Tochter iranischer Eltern in Berlin geboren, ist Textildesignerin und Sprachmittlerin für theaterpädagogische Projekte im „Theater Morgenstern“. Seit 2015 hat sie viele geflüchtete Kinder und Jugendliche begleitet.

Generalprobe unter Corona-Bedingungen für „Kiez auf dem Teppich“: Sprachmittlerin Bahhareh Karimi umringt vom Kinderensemble, ein Kissen mit dem Wort „Frieden“ auf Hindi auf dem Schoß.

Generalprobe unter Corona-Bedingungen für „Kiez auf dem Teppich“: Sprachmittlerin Bahhareh Karimi umringt vom Kinderensemble, ein Kissen mit dem Wort „Frieden“ auf Hindi auf dem Schoß. 

Theater Morgenstern / Anna Ortmann

Wie bezeichnen Sie selbst Ihre Tätigkeit beim „Theater Morgenstern“?

Sprachmittlerin trifft es am besten. Ich bin viel aktiver beteiligt als beispielsweise beim Übersetzen eines Textes oder Gespräches in einer Behörde. Ich muss die kulturellen Hintergründe aller Beteiligten kennen und situative Missverständnisse klären, im Probenprozess ebenso wie zwischenmenschliche in den Pausen.

Sie fördern Sprachkenntnis und Sprechvermögen Geflüchteter in Theaterprojekten. Wie unterscheidet sich das von schulischem Sprachunterricht?

In der Schule geht es vor allem um Grammatik, um korrektes Schreiben und Sprechen. Im „Theater Morgenstern“ entwickeln wir gemeinsam die Stücke, und korrekte Sprache ist am Anfang einer Produktion nicht so wichtig. Natürlich will jeder eine super Rolle haben. Das motiviert die Kinder und Jugendlichen, sich mitteilen zu dürfen, sich persönlich angesprochen zu fühlen. Sie merken: Okay, ich muss aus mir herauskommen, ich muss jetzt mein Bestes geben, damit ich diesen Prinzen spielen darf.

Inwiefern wird die Sprachkompetenz der Kinder und Jugendlichen durch die Theaterarbeit besonders gefördert?

Durch die Verzahnung mit der Theaterarbeit fällt vielen das Lernen der deutschen Sprache leichter. Sprache wird bei uns spielerisch und viel körperlicher vermittelt als man es in einem klassischen Sprachkurs machen würde. Das ist auch durchaus herausfordernd. Ich bin die ganze Zeit dabei, während das Team mit den Kindern und Jugendlichen probt. Ich übersetze auf Persisch, Dari oder Farsi, sobald jemand etwas nicht versteht. In der Anfangsphase 2015, als so viele hergekommen sind, war das mühsam: Ich musste für 20, 30 Personen jedes Wort übersetzen, bin von einem zum anderen gerannt. Doch mittlerweile hat gerade diese Gruppe junger Menschen, die zumeist aus Afghanistan, Syrien oder dem Iran kamen, so gut Deutsch gelernt, dass gar kein Sprachmittler mehr nötig ist zur Verständigung.

„Manchmal übernehme ich auch selbst eine Rolle, das schafft Vertrauen“: Sprachmittlerin Bahhareh Karimi in einer Probe 2019 im Berliner „Theater Morgenstern“.

„Manchmal übernehme ich auch selbst eine Rolle, das schafft Vertrauen“: Sprachmittlerin Bahhareh Karimi in einer Probe 2019 im Berliner „Theater Morgenstern“.

Theater Morgenstern / Daniel Koch

Unterscheidet sich die Sprachvermittlung in Theaterprojekten für Kinder von denen für Jugendliche?

Mit Kindern spreche ich langsamer, setze sehr viel Körpersprache ein, wiederhole Sätze. Wir improvisieren viel in den Proben, damit sie sich mehr trauen und aktiv bleiben. Dann sind sie begeistert dabei und verstehen beim nächsten Mal schon viel mehr. Mit Kindern zu arbeiten ist einfacher, sie sind selten frustriert.

Den Jugendlichen bringe ich neben der Sprache auch die deutsche Mentalität und Kommunikationsformen näher. In der Theaterarbeit gab es zum Beispiel oft Dramen wegen interkulturell unterschiedlicher Art, Kritik zu üben. Die Arbeit mit jugendlichen Geflüchteten wird schnell privat. Wenn man ihre Herkunftssprache spricht, bitten sie einen auch um persönliche Unterstützung, um die Übersetzung eines Behördenschreibens oder einer Liebes-SMS. Ich finde solche Bitten verständlich.

Welche besonderen Herausforderungen gibt es für Sie als Sprachmittlerin?

Im Theater gibt es oft tausend Dinge gleichzeitig zu tun, dafür sollte man offen sein. Und Sprachmittlung beim „Theater Morgenstern“ heißt auch: Mit den Kindern in den Pausen spielen und sich über das Stück unterhalten. Oder die Jugendlichen zwischendrin mal fragen: Wie läuft’s grade bei Dir in der Schule? Ich habe übrigens auch kleinere Rollen in zwei Stücken übernommen. Das war hilfreich, weil die Kinder dann auftauten.

Welchen Gewinn für ihre Zukunft haben geflüchtete Jugendliche, die in mehrsprachigen Theaterprojekten wie diesem mitwirken?

Ich denke, das Miteinander mit den anderen Jugendlichen und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit helfen ihnen sehr dabei, Selbstvertrauen aufzubauen und sich schneller zu integrieren, ein sicheres Gefühl zu entwickeln, wenn sie mit anderen kommunizieren, beispielsweise in Bewerbungsgesprächen. Für zwei, drei der Jugendlichen ist das Theater zu einem richtigen Anker in ihrem Leben geworden, in jeder Hinsicht. Einer von ihnen wurde auf Initiative unserer Theaterleiterin Pascale Senn Koch sogar Mitglied in der Jugendjury des Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung und bekam ein Stipendium der START-Stiftung, einem Programm, mit dem talentierte Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte in Deutschland gefördert werden.

„Kiez auf dem Teppich“ oder „Experiment Demokratie!“ heißen die mit Geflüchteten und in Deutschland Geborenen entwickelten Theaterstücke: In seiner Mitmachen-Sparte unterstützt das Berliner Theater Morgenstern geflüchtete Kinder und Jugendliche beim Spracherwerb und Entdecken ihres vielfältigen Kiezes. Für seine theaterpädagogischen Begegnungsprojekte kooperiert die Profi- und Laienbühne mit der Sozialen Inititative Niederlausitz (SIN), dem Träger der Notunterkunft für besonders schutzbedürftige Geflüchtete im ehemaligen Rathaus Friedenau. Dritter Bündnispartner ist das Nachbarschaftsheim Schöneberg. Programmpartner für das Förderprogramm Tanz und Theater machen stark ist der Bundesverband Freie Darstellende Künste.