Fristen aufgehoben, Formate angepasst

Der Programmpartner Bundesverband Freie Darstellende Künste (BFDK) hat das Sonderprogramm „Tanz- und Theaterspielsommer“ aufgelegt. Nach den Corona-Einschränkungen können „Kultur macht stark“-Projekte kurzfristiger als üblich stattfinden.

Theaterprojekt, Junge schaut zu

Keine Ahnung, wie sie ihre berufliche Zukunft gestalten sollten, hatten die meisten der Teilnehmenden am Projekt „Was jetzt?“. Am Ende des Musik-, Theater- und Bewegungsprojekts hatten sie aber an neuen Perspektiven und Selbstbewusstsein gewonnen.

 Raimund Schall „Zerberus Theater“

Das Logo des Bundesverbandes Freie Darstellende Künste (BFDK) gibt es in unterschiedlicher Variation: ein Bock, eine Ratte und ein Elefant mit Flügeln. „Wir haben uns für das Förderprogramm „tanz + theater machen stark“ den geflügelten Elefanten ausgesucht, denn zu unserem Programm passt dieses Symbol von Kraft und Stärke“, sagt Eckhard Mittelstädt, der beim BFDK zusammen mit zwei Kolleginnen für die durch „Kultur macht stark“ geförderten Projekte zuständig ist. Als Programmpartner fördert der BFDK außerschulische Bildungsangebote von zivilgesellschaftlichen Akteuren wie Vereinen, Verbänden und Initiativen in Zusammenarbeit mit Freien Theatern.

Alle Facetten der Darstellenden Kunst ausprobieren

Deutschlandweit finden genreübergreifend Bündnisse zusammen, die Kindern und Jugendlichen Chancen eröffnen, alle Facetten der Darstellenden Kunst kennenzulernen. Nicht passiv zuschauend, sondern aktiv beim Ausprobieren der vielen künstlerischen Möglichkeiten: Geräusche, Klänge und Rhythmen inspirieren zu lautmalerischen Wortbildern, Poetry-Slams laden ein zum spielerischen Umgang mit Sprache, Recherche zu historischen wie auch zeitgenössischen Geschichten befeuert gute Ideen für das Schreiben eigener Theaterstücke. Kinder und Jugendliche, die außerhalb der Schule keine Bildungsangebote wahrnehmen können, entdecken und aktivieren nicht nur ihr kreatives Potenzial, sondern erleben gleichzeitig, welche Bedeutung der Teamgeist in der Theaterarbeit hat. „Es sind unterschiedlichste Bündnispartner, die zusammenarbeiten. Uns ist allerdings wichtig, dass pädagogische Partner dabei sind“, erläutert Eckhard Mittelstädt. Für die Projekte schließen sich Künstlerinnen und Künstler, freie Träger der Jugendarbeit, Kirchengemeinden oder etwa Kindertagesstätten zusammen. Auch ungewöhnliche Bündnisse, etwa mit lokalen Bürgervereinen oder auch einmal mit einem Gefängnis, haben Chancen auf Förderung durch den BFDK. Eher ungewöhnlich war auch im Jahr 2019 die Zusammenarbeit mit der Fördergesellschaft der Handwerkskammer Freiburg, die in der beruflichen Bildung und Integrationsarbeit tätig ist, mit dem „Theater Zerberus“ und der Gertrud Luckner Gewerbeschule.

Künstlerische Arbeit hat Mut gemacht

Junge Männer umarmen sich

Nach anfänglichem Misstrauen der Teilnehmenden aus unterschiedlichen Kulturen untereinander, wuchs am Ende des „Kultur macht stark“-Projekts die Gruppe der Jugendlichen zusammen.

Raimund Schall „Zerberus Theater“

Die künstlerische Arbeit in einem Musik- und Bewegungs-Theater-Projekt dieses besonderen Bündnisses hat 30

Schülerinnen und Schülern im Alter von 15 bis 18 Jahren einer Berufsorientierungsklasse Mut gemacht. Sechzig Prozent der Jugendlichen hatten Migrations- und teilweise Fluchtgeschichte, alle kamen aus sozial schwierigen Verhältnissen. Projektleiter Raimund Schall vom „Theater Zerberus“ erinnert sich noch gut an die damaligen Herausforderungen: „Die Teilnehmenden kamen aus unterschiedlichen afrikanischen Ländern, aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Osteuropa. Um mit der kulturellen Diversität umgehen zu können, haben wir in kleinen Gruppen gearbeitet. Wir haben damals ständig situativ reagieren müssen, das hat den ganzen Einsatz von den Künstlerinnen und Künstlern und den pädagogischen Kräften verlangt. Sie haben Impulse gegeben, Ideen eingebracht und Entscheidungsprozesse oder auch Konflikte moderiert, statt ein Ziel vorzugeben“, erinnert er sich. Neben Künstlerinnen und Künstlern aus den Sparten Theater, Tanz und Akrobatik waren die Lehrkräfte aus der Berufsschule und auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter involviert. „Uns ist es schließlich gelungen, angstfreie Räume zu schaffen, in denen sich alle ihren Fähigkeiten entsprechend ausprobieren konnten. Ich erinnere mich daran, dass es vor allem geholfen hat, Quatsch zu machen und Blödsinn zuzulassen, um einfach Spaß zu haben“, so Raimund Schall. Am Ende hat die Gruppe zusammengefunden, in einer Schreibwerkstatt Texte entwickelt über Themen aus ihrem Alltag und diese in Theaterszenen aufgeführt. „Wir haben Jugendlichen aus Randgruppen durch Theaterarbeit etwas gegeben, das sie sonst meist vermissen: Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Viele der beteiligten Schülerinnen und Schüler haben in dieser Zeit an Selbstvertrauen gewonnen und den Mut, neue Schritte zu wagen“, beschreibt Raimund Schall.

Je kreativer, desto besser

Tanzende Jugendliche

Es ist gelungen, angstfreie Räume zu schaffen, in denen die Jugendlichen ihre Talente unbeschwert ausprobieren konnten.

Raimund Schall „Zerberus Theater“

„Unsere Angebote sind keinesfalls der Ersatz für schulische Aktivitäten, bei uns steht die performative Kunst im Fokus“, macht Eckhard Mittelstädt deutlich. „Hat die BFDK-Jury bei Anträgen den Eindruck, dass es zu sehr ums Lernen wie im traditionellen Schulunterricht geht, lehnt sie Anträge ab. Kürzlich ging es um ein Pilz-Projekt, da war die Arbeit mit Lückentexten vorgesehen. Das war ein Ansatz, der uns zu stark in die traditionelle schulische Richtung ging. Da haben wir um Nachbesserungen im Konzept gebeten, uns geht es darum, dass spielerisch gelernt wird, es gibt ja so viele kreative Möglichkeiten, sich mit dem Lebewesen Pilz zu befassen: seine Rolle im Wald etwa als Geschichte zu erzählen oder sein Wachsen unter und über der Erde tänzerisch auszudrücken“, beschreibt BFDK-Projektleiter Mittelstädt, womit die Chancen auf Förderung steigen.

Antragverfahren erleichtert, kurzfristige Umsetzung

Je kreativer, desto besser – diese Devise gilt auch für das aktuelle BFDK-Sonderprogramm „Tanz- und Theaterspielsommer“, das im Rahmen von „tanz + theater“ eingerichtet worden ist, um die Einschränkungen der Coronapandemie zu kompensieren. Es eröffnet Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen drei und 18 Jahren neue Perspektiven mit Angeboten der kulturellen Bildung. „Um das Sonderprogramm kurzfristig umsetzen zu können, gibt es einige Veränderungen im Antragsverfahren“, erläutert Eckhard Mittelstädt. „Die Antragstellung erfolgt direkt in der Datenbank KUMASTA, die vorherige Einreichung einer Projektskizze ist nicht notwendig. Zudem gibt es ein verkürztes Juryverfahren und natürlich wird auch ein Zuwendungsvertrag geschlossen.“ Es ist möglich, bis vier Wochen vor Projektbeginn den Antrag zu stellen – das heißt, wer schnell ist und etwa in den Herbstferien 2021 etwas auf die Beine stellen will, hat beste Chancen auf Förderung.

Der Bundesverband Freie Darstellende Künste ist eine der tragenden Säulen der bundesdeutschen Theaterlandschaft. Als Dachverband von 16 Landesverbänden und vier assoziierten Verbänden vertritt er auf Bundesebene die Interessen von mehr als 2.300 Mitgliedern. Ob Theater- und Tanzhäuser, Kollektive oder Einzelakteurinnen und -akteure: Insgesamt repräsentiert der BFDK rund 25.000 Theater- und Tanzschaffende in Deutschland. Als ein Programmpartner von „Kultur macht stark“ bietet der BFDK mit „tanz + theater machen stark“ För-dermöglichkeiten an, die dazu ermuntern, neue Wege zu gehen. Zudem werden mit dem BFDK-Sonderprogramm „Tanz- und Theaterspielsommer“ kurzfristig Angebote der kulturellen Bildung gefördert, um Kindern und Jugendlichen nach den Corona-Einschränkungen wieder mehr Bildungschancen zu eröffnen. Das „Theater Zerberus“ in Freiburg erhielt eine Förderung für das Projekt „Was jetzt?“. Es überzeugte die Jury mit seinem Ansatz, die Sparten Schauspiel, Tanz, Musik und Bildende Kunst eng zu verzahnen. Das Theaterteam ist davon überzeugt, dass das gesprochene Wort, die Bewegung, die Musik und das bildnerische Element auf der Bühne einander ergänzen und bedingen. In wechselnder Besetzung geht es immer auch um die Suche nach dem inneren Rhythmus der Dinge, der Musik und der Poesie.