Festivalplanung in zwei Varianten

Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als bei ihrem Festival „Südwärts“ wieder persönliche Zusammentreffen zu ermöglichen. Gleichwohl organisieren die Hamburger Jugendlichen ihr Event so umsichtig, dass sie auf alle Eventualitäten vorbereitet sind.

Im vergangenen Jahr wurde aus dem „Südwärts-“ das „Digiwärts“-Festival – die Live-Auftritte, hier spielt „Freund von Anton“, wurden gestreamt.

Im vergangenen Jahr wurde aus dem „Südwärts-“ das „Digiwärts“-Festival – die Live-Auftritte, hier spielt „Freund von Anton“, wurden gestreamt.

Roxana Seehof

Verhindert Corona einen weiteren Festivalsommer? Nach aktuellem Stand scheint dieses Szenario realistisch: Bereits im März haben die Organisatoren mehrerer großer Musikfestivals eine Verschiebung auf 2022 angekündigt. Andere halten an ihren Plänen fest. In Hamburg-Wilhelmsburg fahren die Organisatorinnen und Organisatoren des „Südwärts-Festivals“ zweigleisig – sie berücksichtigen bei der Planung des Live-Festivals zugleich eine mögliche Verlagerung ins Digitale. Damit hat das jugendliche Organisationsteam bereits Erfahrung, denn im vergangenen Sommer wurde pandemiebedingt aus ihrem „Südwärts-Festival“ das „Digiwärts“. Live-Acts wurden gefilmt, das Musik- und Slamprogramm gestreamt. Dank „Kultur macht stark“ konnten gut 20 Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren eigenständig ein Festival auf die Beine stellen – und diese Chance gibt es auch in diesem Jahr wieder. Gefördert wird das Projekt im Programm „POP TO GO – unterwegs im Leben“ des Bundesverbands Pop e.V. „Ein Festival von Jugendlichen für Jugendliche ist die Grundidee“, erzählt Sarah Höfling, zentrale Ansprechpartnerin für das Bündnis bestehend aus dem Lüttville e.V., dem soziokulturellen Zentrum Bürgerhaus Wilhelmsburg und der Nelson-Mandela-Schule in Hamburg-Wilhelmsburg. Das Bündnis organisiert Workshops für die Jugendlichen, denn bei aller Eigenständigkeit in der Entwicklung eines Festivals sind Tipps und Anleitung von Dozentinnen und Dozenten mit Praxiserfahrung willkommen.

Planung erfolgt in Videokonferenzen

„In diesem Jahr haben wir die Besonderheit, dass sich das bewährte Team aus dem Vorjahr erneut zusammengefunden hat“, beschreibt Sarah Höfling vom Verein Lüttville. „Sie wollen eine zweite Chance bekommen, endlich auch ein Festival mit echten Begegnungen umzusetzen. Es hilft den Jugendlichen in dieser herausfordernden Zeit, sich auf etwas Schönes in der Zukunft zu freuen. Darauf arbeiten sie hin und das gibt ihnen neue Energie.“ Sarah Höfling weiß aber auch zu berichten, dass es eine Zeit im Dezember und Januar gab, in der bei vielen Jugendlichen die Stimmung im Keller war. „Da war einiges an Aufmunterung nötig, um die Motivation wieder anzukurbeln, zum Glück ist das gelungen“, sagt sie. Die Dozentinnen und Dozenten haben sich intensiv um den Zusammenhalt der Gruppe gekümmert und Mut gemacht, Pläne für den Sommer zu schmieden, auch wenn aktuell noch die Zusammentreffen nur per Videokonferenzen möglich sind.

Etwa ein Drittel der Teilnehmenden kommt aus Hamburg-Wilhelmsburg, die anderen Jugendlichen wohnen in anderen Teilen der Stadt. Wilhelmsburg gilt als multi-kultureller Stadtteil: Von den rund 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern haben fast 35 Prozent einen ausländischen Pass, 55 Prozent einen Migrationshintergrund, 38 Prozent der Einwohner leben in Sozialwohnungen. Lange gab es überdurchschnittlich viele Empfängerinnen und Empfänger von staatlichen Leistungen wie etwa Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe. Inzwischen befindet sich der Stadtteil im Umbruch. Angelockt vom interkulturellen Leben und den meist noch verhältnismäßig niedrigen Mieten zieht es viele Kreative, Studierende und junge Familien in die Gegend südlich der Elbe. Viele engagieren sich in  gemeinnützigen Projekten, Nachbarschaftsinitiativen und aktive Vereinen.

Minitopia-Gelände ist das Zuhause des Festivals

Ein Beispiel dafür ist das Minitopia-Gelände, auf dem der Verein „Alternation“ bürgerschaftliches Engagement ermöglicht. Minitopia bietet Raum für unterschiedliche Formate und Initiativen, in denen Menschen gemeinschaftsorientierte Konzepte zum nachhaltigen Umgang mit aktuellen Herausforderungen erproben – und dem Festival „Südwärts“ ein Zuhause. Das Stichwort „Nachhaltigkeit“ verlangt vom Festival-Organisationsteam auch Antworten auf Fragen wie diese: Welche Werbepartner passen gut zu diesem Gelände? Wie gelingt ein Festival mit möglichst wenig Müll und welches Essen wird angeboten? Wieviel Grips und gute Ideen bei der Organisation eines Festivals nötig sind, haben die Jugendlichen bereits im vergangenen Jahr erlebt. Sie profitieren von diesen ersten Erfahrungen und haben unterschiedliche Aufgaben festgelegt, dabei aber immer sichergestellt, dass sie fließend ineinander übergehen und von allen erledigt werden können.

Gegenseitige Unterstützung in der Gruppe

„Den Jugendlichen gefällt es, dass sie so viele Freiheiten haben und vielseitige Erfahrungen machen, zudem erfahren sie gegenseitig Unterstützung in der Gruppe“, beschreibt Sarah Höfling. Die Jugendlichen überlegen sich, wie die musikalische Linie des Festivals aussehen soll. Sie hören viel Musik, debattieren untereinander, welche Bands auf der Bühne stehen sollen, ob DJs auflegen und ob es auch ein Theaterprogramm geben soll. Bleibt Raum für ergänzende Kunst oder Workshops? Antworten auf Fragen wie diese werden gemeinsam gefunden. Auch Strategien für die Öffentlichkeitsarbeit entstehen im Team: Pressemitteilungen werden geschrieben, Konzepte für die Ansprache in den sozialen Medien entwickelt. Handfest wird es im Produktionsbereich, wo für die nötige Infrastruktur gesorgt wird, die Bühne fit gemacht und der Kassendienst organisiert wird.

Aktuell keimt die Hoffnung auf, dass es klappt mit einem Live-Event. Das Festival „Südwärts“ ist eingebunden ins Programm des Musik-Festivals „48h Wilhelmsburg“. Da „48h Wilhelmsburg“ in den September verschoben worden ist, haben die Jugendlichen etwas mehr Zeit zur Vorbereitung. Für das Juni-Wochenende, das sie eigentlich anvisiert hatten, planen sie nun einen kleinen Flohmarkt mit Rahmenprogramm, wie etwa Siebdruck. Die Jugendlichen bereiten sich gerade darauf vor, ab Mitte Mai in Kleingruppen wieder auf das Minitopia-Gelände gehen zu können. 

Das „Südwärts-Festival“ bietet ein Programm voller Musik, Kunst, (Pop)Kultur, Workshops und Initiativen. Dabei geht es nicht nur ums Konsumieren, sondern genauso ums Entdecken und Mitmachen. „Südwärts“ will Jugendlichen einen kreativen Raum zum Ausprobieren und Wohl-fühlen schaffen. In unterschiedlichen Modulen erstreckt sich das Projekt „Südwärts“ über mehrere Monate mit jeweils unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten. Im Sinne des Förderprogrammes „POP TO GO – unterwegs im Leben” ermöglicht das Projekt unterschiedliche Zugänge zur Popkultur und -musik. Dabei geht es nicht um das Musizieren selbst, sondern um das Entwickeln eines popkulturellen Formats für Jugendliche – dabei setzen sich die Jugendlichen mit den unterschiedlichen Strömungen, Trends und Bands mit Hilfe von Internet aber auch mit konventionellen Konzertbesuchen auseinander. Neben der kulturellen Bildung ist der konkrete Einblick in die Praxis von Veranstalterinnen und Veranstaltern ein wichtiger Baustein des Programms. Die Jugendlichen erlernen nicht nur theoretische Arbeitsschritte, sondern sie müssen diese direkt in einem – ihrem eigenen – realen Projekt anwenden.

Der Verein „LÜTTVILLE e.V. – Verein zur Förderung der kulturellen Vernetzung und Bildung“ wurde 2009 mit dem Zweck der Förderung von Kunst, Kultur und Bildungsarbeit gegründet. Der Verein wurde nach der gleichnamigen Kinderferienfreizeit benannt, die seit 2008 im Vorfeld des internationalen Kunst- und Musikfestivals MS DOCKVILLE auf der Elbinsel Hamburg-Wilhelmsburg stattfindet. Der Vorläufer des Festivals „Südwärts“ war das „Daughterville Projekt“, das während des MS DOCKVILLE-Festivals eigene Angebote für Jugendliche eröffnet hat.

Das soziokulturelle Zentrum Bürgerhaus Wilhelmsburg versteht sich als Haus der Kulturellen Bildung und der Partizipation. Es lädt Menschen jeder Kultur, jeder Religion, jeden Alters und Geschlechts dazu ein, das Haus zu nutzen, um miteinander in Kontakt zu kommen. Zentrales Anliegen ist dabei die interkulturelle Kommunikation auf allen Ebenen. Bewohnerinnen und Bewohner auf den Elbinseln werden dazu ermuntert, an der kulturellen Stadt(teil)entwicklung zu partizipieren.

Die Nelson-Mandela-Schule liegt mitten auf der Elbinsel im Einzugsgebiet der Hamburger Stadtteile Kirchdorf und Wilhelmsburg. Die Stadtteilschule besuchen etwa 1.100 Schülerinnen und Schüler aus mehr als 50 Nationen. Die Schulgemeinde verbindet mit dem Namen Nelson Mandela Antirassismus und Antidiskriminierung, Beharrlichkeit und Ausdauer, Überzeugung, Versöhnung sowie Toleranz.