Einmal „Neuss to go“, bitte

Dieser Stadtführer macht Lust auf Kultur. Konzipiert und umgesetzt wurde „Neuss to go“ von Jugendlichen in einem „Kultur macht stark“-Projekt. Ein Gespräch mit dem Projektleiter Umut Ali Öksüz vom Verein Interkulturelle Projekthelden.

Jugendlicher mit Fotoapparat auf Exkursion zu Kulturorten in Neuss

Auf Exkursion zu Kulturorten in Neuss 

Interkulturelle Projekthelden e. V.

Ein Stadtführer von jungen Menschen für junge Menschen: Woher kam diese Idee?

In unserem Verein gibt es einen Jugendvorstand, das sind Jugendliche, die unsere Arbeit aktiv mitgestalten. Wir tauschen uns viel darüber aus, was junge Menschen in Neuss interessiert und bewegt – und wozu wir Projekte machen könnten. Der Jugendvorstand hat uns berichtet, dass viele ihrer Altersgenossen die Kultureinrichtungen in Neuss – ob Theater, Museen oder Bibliotheken – nicht kennen oder für langweilige Orte halten. So haben wir uns überlegt, junge Menschen in diese Institutionen einzuladen, damit sie diese entdecken und mit eigenen Worten und Bildern beschreiben. Ein Jahr lang haben mehr als 40 Jugendliche gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern im Projekt gearbeitet. Herausgekommen ist ein Stadtführer, der mit kurzen, einfachen Texten, vielen Fotos und witzigen Comicfiguren die Kultur- und Freizeitangebote in Neuss präsentiert.  

Können Sie uns mehr über die gemeinsame Arbeit im Projekt berichten?

Wir haben uns vor allem am Wochenende und in den Ferien in Gruppen mit jeweils rund 15 Jugendlichen getroffen. Jede Gruppe hat sich dann mehrere Tage intensiv mit einer der Kultureinrichtungen beschäftigt – und zwar direkt vor Ort. Vorab haben wir herausgefunden, wer welche Interessen und Stärken hat, also zum Beispiel gern Fotos macht, sich mehr für Grafik interessiert oder lieber Texte schreibt. Wichtig war uns dabei aber, dass wir nicht rein zielorientiert arbeiten. Es sollte nicht darum gehen, was wir als Erwachsene am Ende des Projekts als Produkt haben wollen. Die Teilnehmenden hatten viel Spielraum, um sich auszuprobieren. An den besuchten Orten gab es zum Beispiel auch professionell angeleitete Angebote für verschiedene künstlerische Aktivitäten, vom Bildersprayen über das Arbeiten mit Holz bis zum digitalen Zeichnen. Das, was die Jugendlichen in den Gruppen über die einzelnen Einrichtungen herausgefunden haben, wurde dann zusammengetragen.

Cover des Stadtführers "Neuss to go"

Cover des Stadtführers „Neuss to go“

Interkulturelle Projekthelden e. V.

Wie ging es damit weiter?

Eine Grafikdesignerin hat die Ergebnisse visualisiert. Dann haben wir die Seitenentwürfe per Beamer an die Wand geworfen und diskutiert. Dabei haben jeweils die Gruppen zu den Einrichtungen Feedback gegeben, die diese Orte nicht besucht hatten: Da kamen noch einmal sehr viele hilfreiche Rückmeldungen, etwa, welche Texte noch nicht so verständlich sind oder wo noch Infos fehlen. Die Änderungen haben wir dann gemeinsam umgesetzt. Am Ende erhielten auch die Kultureinrichtungen Gelegenheit, sich zu den Texten zu äußern. Da war etwas Vermittlungsarbeit notwendig, damit sich die Institutionen in den Beschreibungen der Jugendlichen auch wiedergegeben fühlen.

Wurden Sie dabei von Ihren Bündnispartnern unterstützt?

Ja, das Kulturamt Neuss hat uns fachlich begleitet und auch beim Dialog mit den Kultureinrichtungen unterstützt, so dass am Ende beide Seiten glücklich waren. Auch mit dem Theater am Schlachthof hatten wir einen starken Partner, der sich mit Räumlichkeiten, Materialien und vor allem auch bei der Vermittlung von Künstlerinnen und Künstlern eingebracht hat. Ohne starke Partner, die nicht nur auf dem Papier stehen, sondern ihre Rolle auch ausfüllen, ist ein solches Projekt nicht möglich.

Was haben die Teilnehmenden aus dem Projekt mitgenommen?

Die Jugendlichen fanden es toll, das fertige Produkt in den Händen zu halten – zu wissen, das wird jetzt an ganz vielen Orten in Neuss verteilt und ich habe dabei mitgemacht. Das hat auch ihre Identifikation mit der Stadt – das Gefühl dazuzugehören – gestärkt. Unter den Teilnehmenden waren Jugendliche mit und ohne Migrations- oder Fluchterfahrung. Die intensive Beschäftigung mit den verschiedenen Kultureinrichtungen hat ihnen einen direkten Zugang dazu eröffnet, mehr als etwa ein einfacher Besuch. Und sie haben gespürt: Ich werde ernstgenommen, ich kann mich einbringen und etwas bewegen. Von den Jugendlichen kam zum Beispiel der Impuls, neben Kultur- auch Jugendeinrichtungen im Stadtführer zu berücksichtigen. Eine tolle Idee, die wir zusätzlich in Form einer Landkarte umgesetzt haben.  

Sympathische Comicfiguren führen durch die Stadt

Sympathische Comicfiguren führen durch die Stadt 

Interkulturelle Projekthelden e. V.

Das fertige Produkt „Neuss to go“ kam nicht nur bei den Teilnehmenden gut an …

Das Feedback war sehr positiv, von Kultur- und Jugendeinrichtungen sowie vonseiten der Stadt. Lob für das Projekt gab es auch von der Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration Annette Widmann-Mauz. Damit der Stadtführer möglichst viele Menschen erreicht, haben wir eine englische und eine arabische Übersetzung anfertigen lassen. Aktuell ist bereits eine Neuauflage in Arbeit. Außerdem möchten wir in einem nächsten Schritt den Stadtführer auch als App herausbringen, die Kinder und Jugendliche jederzeit über aktuelle Freizeitangebote informiert. Dazu sind wir bereits mit potenziellen Sponsoren im Gespräch. Im kommenden Jahr möchten wir dann mit der Umsetzung der App starten. 

Weitere Informationen zu „Neuss to go“ gibt es auf der Website des Vereins Interkulturelle Projekthelden e. V.

Gefördert wurde das Projekt vom Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen e.V. (BV NeMO) gefördert. Der Programmpartner von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ initiiert im Rahmen von „InterKulturMachtKunst – KunstMachtInterKultur“ interkulturelle Projekte in verschiedenen Kunstformen. Die Projekte richten sich an Sieben- bis Acht-zehnjährige mit und ohne Migrationsgeschichte, die in ihrem sozialen Umfeld bislang wenig Zugang zu kulturellen Bildungsangeboten haben. Die Kinder und Jugendlichen werden aktiv in die Umsetzung der Projekte eingebunden und können sich darin zum Beispiel künstlerisch mit der eigenen Migrations- oder Fluchtgeschichte oder der Diversität in ihrer Nachbarschaft auseinandersetzen.

Nähere Informationen finden Interessierte auf interkulturmachtkunst.de.