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Die Stadt der Kinder

„Tanz und Theater machen stark“ – Bundesverband Freie Darstellende Künste e.V.

Herr Thums, in dem von Ihnen konzipierten und mitbetreuten Projekt durften über 20 Kinder im Grundschulalter ihre Traumstädte entwerfen. Was wünschen sich die Kinder denn in ihrer Stadt?

Einmal sind das Orte des Konsums: Einkaufszentren, Pizzerien und so weiter, auch als Treffpunkte. Für die Jungs waren außerdem Sportspektakelstätten wichtig. Und viele haben sich Gedanken über gesellschaftspolitische Aspekte gemacht. Ein Mädchen hat von Anfang an über Obdachlose nachgedacht: Wie konstruiert man Städte für sie? Wie baut man Balkone, damit sie darunter schlafen können? Uns Betreuern war wichtig, dass wir die Kinder aus ihrer Mitnutzer-Position rausholen und ihnen Gestaltungsmacht geben. In eine bestimmte Richtung geschubst haben wir sie aber bewusst nicht.

Gab es Ideen und Wünsche, die Sie besonders überrascht haben?

Mehr als die Teleportationsfelder hat mich die gelbe Telefonzelle überrascht, die am Ende im Stadtbild gelandet ist.

Eigentlich sind Telefonzellen ja aus dem öffentlichen Raum verschwunden.

Ja, aber die Kinder des beteiligten Schülerladens haben sie fast täglich vor Augen, weil noch ein Exemplar in der unmittelbaren Umgebung steht. Viele der Objekte sind sehr konkret an die Wirklichkeit und den Alltag angelehnt. Ein marokkanisches Mädchen, das regelmäßig nach Marokko reist, wollte zum Beispiel ein zusammenfaltbares Haus bauen, das man mitnehmen kann, wenn man unterwegs ist.
 
Eine Besonderheit an der O-City ist, dass sie nicht nur in Skizzen existiert und auch nicht nur digital: Die Kinder haben Teile der Stadt wirklich aufgebaut. Wie lief das ab?

In der ersten Phase haben wir offene Fragen gestellt, eine Box zum Sammeln von Wünschen gebaut, die auch mit Bildern, Skizzen und Wunschzetteln beklebt wurde. Anschließend gab es in den Osterferien den Stadtbau-Workshop, wo wir fünf Tage lang mit Karton, Holz, Farben und dem übrigen Material in der Werkstatt waren – alles außer Beton eigentlich. Sehr beliebt waren Schwimmnudeln, die sich als ausgezeichnetes Kreativbaumaterial erwiesen haben. In dieser zweiten Phase haben wir dann die zuvor gesammelten Ideen zum Teil umgesetzt. Es kamen natürlich auch spontan neue dazu, als die Kinder die Materialien gesehen haben. Manche Objekte waren in zwei Stunden fertig, das Sportfeld hat zwei halbe Tage gedauert, am aufwendigsten war wohl unser Haus mit Schwimmbad. Das dürften fünf Tage Bauzeit gewesen sein.

Am Ende haben Sie alles auf ungefähr 200 Quadratmetern zusammengestellt und die Kinder haben ihren Eltern eine Stadtführung durch O-City gegeben. Wie waren die Reaktionen?

Vielen Eltern war wohl vorher nicht klar, wie groß das räumlich wird, was wir entwerfen und bauen. Die Kinder sind mit Megafon von Station zu Station gegangen und haben alles erklärt. Das hat sehr gut funktioniert.

Nun ist das im Rahmen von „Kultur macht stark“ geförderte Projekt O-City abgeschlossen. Gibt es etwas, dass Sie Stadtplanern in Frankfurt am Main und Architekten weltweit mit auf den Weg geben möchten?

Bei uns hatten die Kinder ständig den Wunsch, alles auf Rollen zu bauen: die Häuser, die Straßenbahn, eine Couch. So viele Rollen konnten wir gar nicht auftreiben! Architektur sollte nicht in Stein gemeißelt sein, sondern veränderbar. Wenn Planer auf bewegliche Objekte und modulares Bauen zurückgreifen, können Plätze und Objekte besser situativ genutzt werden. Umwandeln und Umnutzen ist für Kinder ganz normal.

Herr Thums, vielen Dank für die Einblicke und das Gespräch!

 

Über das Projekt O-City:
Für das Projekt O-City in Oberrad, einem Stadtteil von Frankfurt am Main, haben die Künstlergruppe red park, der Schülerladen Tausendfüßler und der Bürgerverein Oberrad in einem Bündnis für Bildung zusammengearbeitet. Über das Programm „Tanz und Theater machen stark“ des Bundesverbands Freie Darstellende Künste e.V. wurde O-City im Rahmen von „Kultur macht stark“ gefördert.

Fotos: red park