Der Zirkus ist für alle da

Fröhlich, leidenschaftlich und vor allem offen für alle: Zirkuspädagogin Caro Dallmeyer begeistert Hamburger Kinder mit und ohne Höreinschränkungen für den Zirkus. „Gemeinsam sind wir stark – und fröhlich“, so die Devise im Zirkus Firlefanz.

In einer Hamburger Turnhalle erarbeiten Kinder mit dem Zirkus Firlefanz ein Zirkusprogramm. Sie lieben es, neue Perspektiven zu entdecken.

In einer Hamburger Turnhalle erarbeiten Kinder mit dem Zirkus Firlefanz ein Zirkusprogramm. Sie lieben es, neue Perspektiven zu entdecken.

Tabita-Kirchengemeinde Ottensen-Othmarschen

Plötzlich geht das Licht in der Turnhalle der Hamburger Grundschule am Trenknerweg aus – und gleich wieder an. Das ist das Zeichen für die versammelten Kinder: Caro Dallmeyer hat ihnen etwas zu sagen. Sie könnte auch rufen, aber damit würde sie nur eine Minderheit der Anwesenden erreichen. Mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden in dieser Projektwoche hören entweder nur eingeschränkt oder gar nicht. Die anderen Kinder, können zwar hören, haben aber auch schon erfahren, mit Einschränkungen zu leben. Einige kommen aus Familien, die in einer schwierigen ökonomischen und sozialen Lage sind. Hier setzt das Projekt an, dass von der BAG Zirkuspädagogik e.V. im Rahmen von „Zirkus gestaltet Vielfalt“ gefördert wird. In einem Bündnis haben der Zirkus Firlefanz der evangelisch-lutherischen Tabita-Kirchengemeinde Ottensen-Othmarschen, die Elbschule - Bildungszentrum Hören und Kommunikation, die Evangelische Jugend Hamburg (EJH) und die Schule Trenknerweg ein einwöchiges Ferienprojekt für hörbeeinträchtigte und sozial benachteiligte Kinder angeboten.

Bedürfnisse beider Gruppen werden ausbalanciert

Außerhalb der gemeinsamen Projektwoche haben die Kinder kaum Berührungspunkte. Deshalb müssen Zirkuspädagogin Caro und ihr Team anfangs vor allem für die Situation der Kinder mit Höreinschränkungen sensibilisieren: „Ihr dürft die Jongliersachen erst hochwerfen, wenn niemand neben euch steht; sonst bekommt das womöglich jemand auf den Kopf. Nicht alle können hören, wenn ihr sie warnt.“ Einige Kinder tun sich schwer damit, dass die höreingeschränkten Altersgenossen mehr Aufmerksamkeit bekommen. „Sie wünschen sich selbst mehr Beachtung“, hat Carolin Dallmeyer beobachtet. „Viele bemühen sich vergeblich um die Aufmerksamkeit ihrer Väter oder auch ihrer alleinerziehenden Mütter.“ Zirkuspädagogin Carolin Dallmeyer wird unterstützt von weiteren Zirkus- und Tanzpädagogen und -pädagoginnen sowie von ehrenamtlichen Kräften, die Zirkuserfahrung mitbringen. Ihnen gelingt es, die Bedürfnisse beider Gruppen auszubalancieren. Im Laufe der Projektwoche wächst das Verständnis füreinander schnell, und so werden nicht nur die akrobatischen Fähigkeiten, sondern auch Respekt und Toleranz trainiert und als etwas Notwendiges und Positives erlebt.

Tolle Tricks untereinander weitergeben

Selbst für eine erfahrene Zirkuspädagogin wie Caro ist es immer wieder spannend zu beobachten, wie die Zirkuskunst eine Gruppe zusammenschweißt. Von Übung zu Übung lässt sich ein Lernprozess bei den hörenden Kindern beobachten. „Ab einem bestimmten Punkt wussten sie, auf welche Dinge sie achten müssen, wenn der andere nicht hören kann. Interessanterweise zeigten die Kinder mit Höreinschränkungen dagegen gleich zu Beginn eine deutlich größere Sensibilität für andere“, schildert sie. Täglich bekam jede der beiden Gruppen die Aufgabe, jeweils entweder ein neues Wort oder ein neues Zeichen aus der Gebärdensprache zu lernen. Dabei lasen die Kinder, die schlecht oder gar nicht hören, jeden Tag das neu zu lernende Wort von den Lippen der anderen ab.

Scheitern ist kein Weltuntergang

Außerdem gab das Trainerteam eine goldene Regel vor: „Wer einen tollen Trick draufhat, gibt sein Wissen weiter und bringt ihn anderen bei. So können sich alle ausprobieren, die eine Übung klappt, die andere vielleicht nicht – und das ist kein Beinbruch. Es macht Spaß, etwas auszutesten, und am Ende fühlen sich alle gut, weil sie zusammen etwas auf die Beine stellen“, erläutert die Zirkuspädagogin. So vermittelt sie, dass Scheitern kein Weltuntergang ist. „Ständig fallen Bälle runter oder man kippt vom Einrad. Dann muss man wieder aufsteigen und es wird klar, dass Durchhaltevermögen nötig ist, bis man mit einem Erfolgserlebnis belohnt wird.“ Und was hilft dabei, nicht den Mut zu verlieren, wenn man immer wieder von den Stelzen purzelt? „Das Lachen“, lautet die Antwort und Caro weist darauf hin, wie wichtig das Lachen vor allem für Kinder in schwierigen Lebensumständen ist. „Sie vermissen eine unbeschwerte Fröhlichkeit“, beschreibt Caro. „Im Grunde haben alle teilnehmenden Kinder, ob höreingeschränkt oder nicht, das gleiche Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Bestätigung.“

Kinder wachsen über sich selbst hinaus

Diese gibt ihnen der Zirkus Firlefanz: Sie dürfen sie selbst sein, können sich ohne Angst ausprobieren. Sie sind kreativ, entwickeln ein gutes Körpergefühl und darüber hinaus ein gutes Selbstwertgefühl. Die Palette an Kunststücken, die sie für die Abschlussveranstaltung einüben, reichen von A wie Akrobatik bis Z wie Zaubern. Sie lernen nicht nur das Einradfahren, das Jonglieren mit Hüten, Bällen und Keulen, sondern auch das Seil- und Kugellaufen. Besonders gerne üben sie auch das Stelzenlaufen, die neue Perspektive wirkt auf viele wie ein Stimmungsaufheller, „sie wachsen dabei über sich hinaus“, so Caro Dallmeyer. Am Ende der Woche präsentierten sich die Kinder in der Abschlussveranstaltung für ihre Familien und Freunde als starkes Ensemble. Dafür gab es jede Menge Applaus, Aufmerksamkeit und Bestätigung.

Die BAG Zirkuspädagogik e.V. hat dieses spezielle Projekt für hörbeeinträchtigte und sozial benachteiligte Kinder im Rahmen von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ gefördert. Der Zirkus Firlefanz ist eine bewährte Säule der Kinder- und Jugendarbeit der ev.-luth. Tabita-Kirchengemeinde Ottensen-Othmarschen. In Zusammenarbeit mit der Elbschule - Bildungszentrum Hören und Kommunikation, der Grundschule Trenknerweg und der Evangelischen Jugend Hamburg, dem Jugendverband für die Evangelisch-Lutherischen und Evangelisch-reformierten Kirchen in Hamburg, wurde das Inklusionsprojekt entwickelt.