Aus dem Boxring in die Artothek

Wie nachhaltig die Teilnahme an dem durch „Kultur macht stark“-geförderten Projekt LUDWIG CHARTS wirkt, zeigt das Beispiel von Niksan Rajaratnam (24). Er blieb dem Museum verbunden und hat als Talent-Scout ein neues Ausstellungsformat mitinitiiert.

Als Schüler hat Niksan Rajaratnam (r.) dank „Kultur macht stark“ den Weg ins Museum gefun-den.

Als Schüler hat Niksan Rajaratnam (r.) dank „Kultur macht stark“ den Weg ins Museum gefunden. Inzwischen bringt er frischen Wind in die Artothek der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen, die nun die Arbeiten seines Box-Kumpels Markus von Frieling präsentiert.

Artothek LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Frau Bendorf-Depenbrock, Sie sind Museumspädagogin und Sie, Herr Rajaratnam, waren Schüler, als Sie sich im Jahr 2013 durch „Kultur macht stark“ kennengelernt haben?

Niksan Rajaratnam: Ja, ich war damals Schüler in der zehnten Klasse und unsere Hauptschule hat am Projekt LUDWIG CHARTS teilgenommen. Das war im Jahr 2013. Das war für mich der erste Berührungspunkt mit dem Museum, wir durften uns umgucken, konnten uns ein Bild aussuchen, das uns besonders angesprochen hat und durften das dann wiederum anderen Mitschülerinnen und -schülern beschreiben. Ulla, du kannst das bestimmt besser erklären. (lacht)

Ursula Bendorf-Depenbrock: Unser Projekt LUDWIG CHARTS, das vom Deutschen Museumsbund im Rahmen von „Kultur macht stark“ gefördert wird, geht auf den sogenannten Peer-Ansatz zurück, bei dem wir Kinder und Jugendliche anleiten, ihre Meinungen und Ansichten anderen jungen Menschen zu vermitteln. Dadurch werden Schwellenängste abgebaut und wir erreichen Kinder und Jugendliche, die sonst vielleicht sonst nicht auf die Idee kommen, ein Museum zu betreten. Und das Schöne ist, es wirkt nachhaltig. Niksan ist das beste Beispiel. Er war damals bei der ersten Staffel dabei, inzwischen sind wir bei Staffel 18 und wir hoffen, dass sich die Pandemielage so weit entspannt, dass wir in diesem Jahr mit der Staffel 19 loslegen können. Wir arbeiten inzwischen auch mit Kitas, Grundschulen und Realschulen zusammen.

Herr Rajaratnam, warum sind Sie dem Museum treugeblieben?

Niksan Rajaratnam: Ich fand und finde es toll und auf eine Art cool, was da im Museum abgeht. Dort herrscht eine offene Atmosphäre, alle fühlen sich angenommen und wohl. Ich habe einige Staffeln der LUDWIG CHARTS und auch die Museumsfahrten im Rahmen des Aufbauprogramms „LUDWIG LUST“ ehrenamtlich begleitet. Besonders die kleineren, energiegeladenen Jungs kamen oft zu mir, wenn ich Workshop-Material verteilte und erklärte – ich glaube, ich war sowas wie ein gutes Rollenvorbild. So nach dem Motto, der ist schon groß und cool, also fühlten sie sich auch cool im Museum. Und ich habe in der Artothek mitgearbeitet, bei den Hängungen, bei der Ausleihe – ich habe überall angepackt, wo es nötig war. Hier im Umfeld des Museums bekomme ich andere Impulse als in meinem normalen Alltag. Ich habe inzwischen mein fachgebundenes Abitur, jobbe und möchte mich demnächst bei der Polizei oder beim Zoll bewerben – es ist also nicht so, dass ich durch die Arbeit in der Artothek selbst auf die Idee gekommen wäre, beruflich etwas mit Kunst machen zu wollen. Es ist einfach grundsätzlich inspirierend!

Ursula Bendorf-Depenbrock: Dabei hast du definitiv einen guten Blick für Kunst entwickelt.

Niksan Rajaratnam (r.), Markus von Frieling (l.) und zwei weitere Ehrenamtliche bei der  bei der Vorbereitung der Ausstellung in der Artothek der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen im Sommer 2020.

Niksan Rajaratnam (r.), Markus von Frieling (l.) und zwei weitere Ehrenamtliche bei der Vorbereitung der Ausstellung in der Artothek der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen im Sommer 2020. 

Ursula Bendorf-Depenbrock (Artothek LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen)

Und Sie wurden auf die Idee gebracht, ein ganz neues Format „Art.Upgrade_2020“ zu entwickeln. Das ist eine Ausstellungsreihe in der Artothek, direkt neben den Hallen der LUDWIGGALERIE in Oberhausen, in denen schon die Werke Andy Warhols und Gerhard Richters präsentiert wurden. Wen haben Sie ausgestellt?

Ursula Bendorf-Depenbrock: Einen jungen Mann, der seine Leidenschaft für die Malerei eigentlich nur entdeckt hat, weil er seinen alten Beruf als Systemgastronom hingeworfen und während seiner zweiten beruflichen Ausbildung zum Erzieher seine Kreativität entdeckt hat. Potenzielle Ausstellende für das Format „Art.Upgrade“ werden vorgeschlagen und ausgewählt durch Menschen, die bewusst nichts mit Kunst zu tun haben. Die Initialzündung kam durch Niksan, der uns die Werke eines Kumpels vorgeschlagen hat. Die beiden kennen sich vom Sport, aus dem Boxring.

So erweitern Sie das Angebot der Artothek mit jungen, noch kaum bekannten Talenten?

Ursula Bendorf-Depenbrock: Richtig. Markus von Frieling war der erste, der seine Werke in diesem Rahmen präsentierte. Niksan und ich haben im vergangenen Jahr corona-konform mit Abstand und medizinischen Masken die Ausstellung vorbereitet, die dann zum Glück nach dem ersten Lockdown im Sommer für ein Wochenende öffnen konnte.

Niksan Rajaratnam: Markus von Frieling und ich haben unsere Leute eingeladen – das war super. In jeder Hinsicht. Kein Nadelstreifenanzug, kein Chichi. Nur spektakuläre Bilder, mit neuen Figuren, Formen und Umrissen, die jeder für sich selbst betrachten und deuten kann. Mit unseren Gästen tauchten Leute im Museum auf, die normalerweise dort nicht sind – wir haben für ein frisches Publikum gesorgt.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Ursula Bendorf-Depenbrock: Wir möchten in Zukunft mindestens einmal im Jahr einen Künstler oder eine neue Künstlerin im neuen Format der Artothek der LUDWIGGALERIE vorstellen können. Eine Chance für junge Talente, ganz ohne Hemmschwellen.

Herr Rajaratnam, bleiben Sie weiterhin als Talent-Scout im Team der Artothek? Haben Sie vielleicht schon jemanden im Blick?

Niksan Rajarathnam: Liebend gerne bleibe ich der Artothek verbunden, natürlich auch dem Format „Art.Upgrade_2020“. Und ja, ich habe jemanden im Sinn, aber das ist noch nicht spruchreif.

Die Idee der LUDWIG CHARTS gibt Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, zunächst selbst den kulturellen Raum Museum kennenzulernen, ihn sich zu eigen zu machen und dieses Wissen dann weiterzugeben. Die individuelle Annäherung an die Ausstellung soll das persönliche kreative Potential anregen und Ressourcen und Wahrnehmungen schärfen. Durch den Peer-Education-Ansatz werden weitere Peers auf Augenhöhe erreicht. Der deutsche Museumsbund ermöglicht mit „Museum macht stark“ lokalen Bündnissen, Angebote im außer-schulischen Bereich der kulturellen Bildung umzusetzen.