Auf der Bühne: Das Echo der Flucht

Mit 16 ist Khalil Rezai aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Im April 2018 stand er zusammen mit anderen Jugendlichen für die Junge Deutsche Oper auf der Bühne – auch, um seine Geschichte zu erzählen.

Khalil probt mit seiner Blockflöte für seinen Auftritt im Stück „Der Schrei des Pfauen in der Nacht“.

Khalil probt mit seiner Blockflöte für seinen Auftritt im Stück „Der Schrei des Pfauen in der Nacht“. 

 Stephan Boegel

„Kultur macht stark“ – diese Aussage kann Khalil Rezai aus eigener Erfahrung unterschreiben. „In Afghanistan hatte ich keine Gelegenheit, so etwas wie Theaterspielen zu machen. Ich bin zur Schule gegangen und habe in dem landwirtschaftlichen Betrieb meines Vaters mitgearbeitet.“ Mit 16 hat er sich auf den Weg gemacht – weg von einem Land, in dem große Teile der Bevölkerung unter dem Terror radikal-islamischer Aufständischer leiden.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge heißen junge Menschen wie Khalil im Verwaltungszusammenhang. Für ihn hieß es: die Eltern, den kleinen Bruder, die große Schwester im Land der Geburt und Kindheit zurücklassen, sich alleine bis nach Deutschland durchzubeißen, 5000 Kilometer von der Heimat entfernt. „Das war nicht immer einfach“, sagt er mit fast zwei Jahren Abstand. Achselzuckend, fast schon lapidar. „Es war Winter und manche Leute hatten noch nicht einmal warme Schuhe dabei.“

Heute lebt der 18-Jährige in einer betreuten Dreier-WG in Berlin, geht in die neunte Klasse, schwitzt im Fitness-Studio, spielt Volleyball in der U20 der BR Volleys. Und er interessiert sich für klassische Musik. Neulich war er in der „Fledermaus“, einer Operette von Johann Strauß. Urteil: „Richtig, richtig gut!“ Zweimal stand er sogar schon selbst für die Deutsche Oper auf der Bühne. „Es ist viel passiert in den letzten zwei Jahren“, sagt Khalil. Wenn er lacht, sieht man seit Kurzem eine feste Zahnspange.

Vom Heim auf die Bühne

Die erste Begegnung mit der Bühnenwelt hatte der junge Afghane 2016. Ein Bekannter aus der Flüchtlingsunterkunft versuchte, ihn für ein Projekt der Jungen Deutschen Oper zu begeistern. „Ich war gar nicht sicher und brauchte viel Zeit zum Überlegen“, erinnert sich Khalil. Deutsch sprach er damals nur gebrochen, und überhaupt musste er erstmal ankommen. Am Ende machte er mit bei „Was ich schon immer sagen wollte“ – und diese Erfahrung war so gut, dass er beim nächsten Mal nicht lange zögerte: Als sich Anfang 2018 die Chance bot, in die Oper zurückzukehren und bei "Der Schrei des Pfauen in der Nacht“ mitzuspielen, war Khalil sofort dabei.

Für dieses Stück haben sich etwa 30 Jugendliche kreativ mit ihren Erinnerungen und für sie wichtigen Klängen und Geräuschen auseinandergesetzt. Ein Teil der 15- bis 20-Jährigen waren Geflüchtete, so wie Khalil; der andere Teil waren einheimische Teenager aus Berlin. Gemeinsam haben sie ihr Publikum im April 2018 mit auf die Reise in die Vergangenheit genommen und nebenbei untereinander Freundschaften geschlossen. Realisiert werden konnte das alles durch das Programm „Zur Bühne“, in dem der Deutsche Bühnenverein im Rahmen von „Kultur macht stark“ lokale Projekte von „Bündnissen für Bildung“ fördert.

Geteilte Erinnerungen

Khalil hat zum „Pfauen“ seine eigene Fluchtgeschichte beigesteuert. Wie das war auf dem Mittelmeer, auf dem Weg durch die Türkei, Griechenland, Österreich bis nach Deutschland. „Die anderen haben mir gesagt, dass das eine echt traurige Geschichte ist“, erzählt Khalil, „und dass ich stolz auf mich sein kann.“ Seine Erinnerungen zu teilen sei schwer gewesen, aber auch notwendig: „Ich musste davon erzählen. Ich wollte auch, dass die Welt hört, was passiert ist.“ Für das Stück hat er nicht nur seine Geschichte aufgeschrieben und eingesprochen, er hat auch getanzt und Flöte gespielt.

Blockflöte spielen konnte er schon in Afghanistan. „Die Flöte hat mir meine Mutter geschenkt“, sagt der Sohn, der nur drei-, viermal im Monat mit seinen Eltern spricht. Sie haben zu tun, er hat zu tun, die Zeitverschiebung, Probleme mit der Telefon- und Internetverbindung – mehr kann nicht sein, im Moment. Von seinem Auftritt in der Oper weiß die Familie aber natürlich. „Die finden das alle super, was ich hier mache“, sagt Khalil. Ein Vorbild ist für ihn Bernarda Horres, die Regisseurin von „Der Schrei des Pfauen in der Nacht“: „Eine intelligente Frau, so kreativ, und sie lacht sehr viel.“

Die Junge Deutsche Oper hat schon ein Folgeprojekt für 2019 in Planung. Khalil wäre wahrscheinlich dabei, kann aber noch nicht planen. An ihm selbst liegt es nicht so sehr. Er bekommt seine Termine sehr gut organisiert, zumal er üblicherweise um 5.30 Uhr aufsteht. Aber seine Aufenthaltsperspektive ist ungewiss. „Sorgen mache ich mir nicht“, sagt Khalil. Hundert Prozent zuhause in Deutschland fühlt er sich allerdings auch noch nicht. Jetzt sucht er erstmal optimistisch nach einer Wohnung. Die erste eigene. Mit 18 ganz normal eigentlich.

Kontakt

Deutscher Bühnenverein – Bundesverband der Theater und Orchester
Förderprogramm „Zur Bühne“
E-Mail: projekte@buehnenverein.de (Stichwort „Zur Bühne“)
Informationen zum Förderprogramm „Zur Bühne“

Junge Deutsche Oper
Henning Brockmann
E-Mail: Brockmann@DeutscheOperBerlin.de