Analoges Theaterstück wird digital

Wie flexibel das Theaterprojekt, das als „#bettertogether“ gestartet ist, auf die Corona-Pandemie reagierte, berichtet Josephine Raschke vom Jungen Schauspielhaus Bochum. Aufgeben war keine Option, und so wurde ein analoges Theaterstück digital.

 Collage aus mehreren Bildern einer Teilnehmerin im Projekt, die ein Kuscheltier in Situationen im Corona-Alltag fotografiert hat, etwa beim Kochen, Meerschweinchen füttern und Schulaufgaben machen.

Kuscheltier Tobi zeigt den Alltag einer Teilnehmerin in Corona-Zeiten

„kaese.ist.besser.als corona“ Junges Schauspielhaus Bochum

Frau Raschke, aus „#bettertogether“ wurde „kaese.ist.besser.als corona“. Und statt der für den 24. April geplanten Premiere gibt es nun eine fünftägige Webserie auf YouTube und Auftritte bei Instagram. Worum geht es grundsätzlich in Ihrem Projekt?

Josephine Raschke: Unser grundsätzliches Thema ist die Frage, „Was kann Gemeinschaft heute sein?. Dazu haben wir ein Theaterstück entwickelt. Im Herbst 2019 ging es los. Bündnispartner sind die evangelische Stiftung Overdyck, in deren Wohngruppen einige der beteiligten Kinder und Jugendlichen leben. Zudem der Hapkido-Verein, der Selbstverteidigung trainiert, und wir vom Jungen Schauspielhaus Bochum. Bei der Projektarbeit geht es uns vor allem darum, Prozesse in Gang zu bringen. Ziel ist ein starkes Ensemble, eine Gruppe, in der sich Kinder und Jugendliche gegenseitig auffangen, stärken und inspirieren.

Wie viele Kinder und Jugendliche haben sich beteiligt?

Josephine Raschke: Neun aus den Wohngruppen und fünf aus dem Verein. Neben meiner Kollegin Katrin Hess und mir waren noch zwei FSJler vom Schauspielhaus Bochum involviert. Die Kinder und Jugendlichen im Alter von fünf bis 18 Jahren haben sich kontinuierlich wöchentlich getroffen. Sie haben szenisches Material zu den Themen entwickelt, die ihnen wichtig sind und die sie auf der Bühne zeigen wollten. Gemeinschaften sind ja oft in unserem Leben wichtig, und für Kinder und Jugendliche sind Freundschaften ein großes Thema. Sie geben Halt. Das ist vor allem für die Kinder und Jugendlichen der Wohngruppen wichtig, deren Biografien unter Umständen von Haltlosigkeit geprägt sind.

Eine so große Altersspanne in einer relativ kleinen Gruppe ist etwas Besonderes. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Josephine Raschke: Ich persönlich habe in den letzten Jahren es sehr zu schätzen gelernt, kreativ in altersdiversen Gruppen zu arbeiten, sowohl in anleitender Funktion als auch als Teil eines Ensembles. Der Vorteil ist eine Vielfalt auf sehr vielen Ebenen. Mein Eindruck war, dass die beiden Jüngeren, die fünf und acht Jahre alt waren, vor allem viel von den Großen gelernt haben und sich sehr ernst genommen gefühlt haben. Ich habe bei beiden bemerkenswerte Lernprozesse gesehen, was spielerische Vorgänge betraf. Außerdem hatten sie natürlich ein Alleinstellungsmerkmal, was beiden sehr gutgetan hat. Für die meisten Älteren war das einfach eine Freude, so kleine, verspielte Energiebündel dabei zu haben, die sie gleich ins Herz geschlossen haben, ohne sie zu bewerten, und mit denen sie sich nicht vergleichen mussten. Eine altersdiverse Gruppe hat oftmals den Vorteil, dass es weniger Konkurrenz gibt.

Am 14. März wollten Sie ein intensives Probenwochenende beginnen und sahen sich dann mit der Kontaktsperre aufgrund der Corona-Pandemie konfrontiert.

Josephine Raschke: Das war unser letztes Treffen. Wir haben versucht, unseren ersten Durchlauf zu proben und die Situation zu realisieren: Schulen dicht, große Verunsicherung, wie würde es weitergehen? Alles absagen – das kam für uns nicht infrage. Wir wollten die Teilnehmenden auch weiterhin ermutigen und zusammenhalten. So haben wir also kurzerhand, inspiriert von unserer letzten gemeinsamen Mahlzeit Spaghetti Bolognese mit Käse, den Titel geändert in „kaese.ist.besser.als.corona. Zudem haben wir unsere Ausgangsfrage aktualisiert in „Was kann eine Gemeinschaft in Zeiten von Corona sein?“.

Porträtbild Josephine Raschke auf schwarzem Hintergrund

Josephine Raschke

Josephine Raschke

Statt persönlicher Treffen gab es dann also Nachrichten per Smartphone, Videotelefonate und virtuelle Konferenzen? Und Sie waren diejenige, bei der die Fäden zusammenliefen?

Josephine Raschke: Ja, bei meiner Kollegin Katrin Hess und mir. Wir mussten individuelle Arbeitsprozesse in Gang setzen. Das ist ohne persönliche Kontakte zeitaufwendig. Gerade die Jugendlichen innerhalb der Wohngruppen haben sich gegenseitig motiviert. Wir haben – und das wird in der Webserie deutlich – davon profitiert, dass die Gruppe bereits eng zusammengewachsen war. Es gab glücklicherweise eine vertrauensvolle Basis, die für die digitale Zusammenarbeit essenziell war. Bei den beiden Jüngsten waren wir sehr auf die Mithilfe der Eltern angewiesen. Das hat bei der Achtjährigen gut geklappt, bei dem Fünfjährigen war das leider schwierig.

Es gab also Hürden, die Sie und die Gruppe bewältigen mussten?

Josephine Raschke: Wir alle sind ungeübt im digitalen Miteinander, wie wir es jetzt gerade in der Ausschließlichkeit erleben müssen. Das digitale Arbeiten fühlt sich oftmals an wie eine Einbahnstraße. Es entsteht das Gefühl, es verschwände alles in einem digitalen Schlund. Es fehlt die Resonanz, es gibt keine Zwischentöne. Daran mussten wir uns gewöhnen. Übrigens gab es auch bei unseren Teilnehmenden – wie auch in der übrigen Gesellschaft im Umgang mit der Corona-Pandemie – verschiedene Phasen: vom ersten Schreck über ein positives „Wir-schaffen-das“-Gefühl bis hin zu Durchhängern und tiefer Verunsicherung. Kinder und Jugendliche sind ja wie Seismographen unserer Gesellschaft. Und gerade die Jugendlichen aus den Wohngruppen erleben diese Zeit nochmals intensiver, da sie zum Beispiel keine Besuche von ihren Familien oder Schulfreunden empfangen dürfen und klar regulierte Ausgangszeiten haben. Aber am Ende haben wir es geschafft, auch in dieser Situation etwas Kreatives zu schaffen.

Was war besonders spannend für Sie?

Josephine Raschke: Wie schnell man neue Kompetenzen entwickelt. Es konnten auch über die Distanz künstlerische Prozesse angestoßen werden – selbst im vermeintlich bedeutungslosen Alltag gibt es viel zu entdecken. Eine Teilnehmerin hat sich fotografisch mit ihrem Tag beschäftigt, der ja jetzt in Corona-Zeiten anders abläuft als üblich. Ihr Kuscheltier „putzt“ sich die Zähne, „erledigt“ die Hausaufgaben und „füttert“ die Meerschweinchen - aus diesen alltäglichen Szenen ist eine wunderbare Fotoserie entstanden.

Die Webserie ist auf YouTube zu sehen (Link zur ersten Folge). Der Instagram-Kanal „kaese.ist.besser.als corona“ bietet weitere Einblicke ins Projekt.

Das Projekt wurde von der ASSITEJ e. V., dem Netzwerk der Kinder- und Jugendtheater in Deutschland, gefördert. Mit „Wege ins Theater“ ermöglicht die ASSITEJ im Rahmen von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ außerschulische Projekte, die Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 18 Jahren Zugänge ins Theater eröffnen. Für die Förderung in verschiedenen Projektformaten können sich Bündnisse bewerben, die aus einem Theater, einer Einrichtung mit Kontakt zur Zielgruppe sowie mindestens einem weiteren Partner bestehen.

Mehr Informationen finden Interessierte unter wegeinstheater.de.