Analoge und digitale Entdeckungstouren

Längst sind das Internet und die sozialen Medien so etwas wie ein Zuhause für Kinder und Jugendliche geworden – eine Art erweitertes Wohnumfeld, das sich auch spielerisch entdecken lässt, wie die Projekte der BAG Spielmobile zeigen.

Zwei Mädchen konzentriert bei der Sache: Sie nehmen teil am Projekt „GAME – Gemeinsam Aben-teuer & Medien Erleben“ des Spielmobils der Kindervereinigung Chemnitz.

Zwei Mädchen konzentriert bei der Sache: Sie nehmen teil am Projekt „GAME – Gemeinsam Abenteuer & Medien Erleben“ des Spielmobils der Kindervereinigung Chemnitz. Entwickelt wurde eine breit angelegte QR-Code-Rallye mit Rätselelementen und Escape-Games-Elementen.

Spielmobile e.V.

„Das Spiel ist Schlüssel zur Außenwelt und Wecker der Innenwelt.“ Dieses Zitat wird dem Reformpädagogen Friedrich Fröbel (1782-1852) zugeschrieben. Auch wenn Fröbel sich nicht hätte träumen lassen, welch vielfältige Möglichkeiten das Spiel im 21. Jahrhundert dank digitaler Möglichkeiten bietet, passt die Aussage ausgezeichnet zu den Angeboten der Spielmobile e.V. – der Bundesarbeitsgemeinschaft der mobilen spielkulturellen Projekte.

Der Verband initiiert bundesweit Bündnisse für Bildung unter dem Titel „bildungsLandschaft im Wohnumfeld spielend erforschen, gestalten und aneignen“. Kinder und Jugendliche im Alter von vier bis 15 Jahren gehen auf Entdeckungstour, lernen andere Bezirke kennen und entdecken grüne Oasen oder auch besondere Orte im vermeintlich bekannten Wohnumfeld. Neben klassischen Projektpartnern wie Bildungseinrichtungen, (Hoch-)Schulen oder Vereinen, gelingt es der BAG Spielmobile e.V. mit diesem Konzept auch, ungewöhnlichere Projektpartner zusammenzubringen, wie etwa Liegenschaftsämter. In Berlin engagiert sich das Grünanlagenmanagement Grün Berlin GmbH im Projekt „Ausflüge in die Berliner Stadtnatur“.

Sechs Formate mit unterschiedlichen Medien

Die BAG Spielmobile hat für ihre Bündnisse sechs unterschiedliche Formate entwickelt, mit denen Kinder und Jugendliche ihre Wohnumgebung neu kennenlernen. Sie inspizieren Straßenzüge, Parks oder auch das Stadtzentrum auf neue Weise – unter anderem auch durch den Einsatz digitaler und analoger Medien. „Unsere Formate decken eine gute Bandbreite spielerischer Angebote ab. Sie lassen sich je nach Voraussetzungen und Vorstellungen der Bündnispartner vor Ort adaptieren“, erläutert Laura Mittenzwei, Projektleiterin für „bildungsLandschaft im Wohnumfeld spielend erforschen, gestalten und aneignen“ bei der BAG Spielmobile. Das Format „Schau genau in Stadt, Dorf und Wald!“ bietet beispielsweise Such- und Entdeckerspiele, bei denen die Teilnehmenden ihre Umgebung erforschen. „Dieses Angebot ist vor allem bei neuen Antragstellern sehr beliebt, denn es ist niedrigschwellig. Es ist offen konzipiert, lässt sich gut anpassen auf eigene Vorstellungen und funktioniert auch ohne Medienerfahrung sehr gut“, beschreibt Laura Mittenzwei. Wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, hat weitere Möglichkeiten: Die Formate sind so aufgebaut, dass sich die Bündnisse an immer komplexere und technisch anspruchsvollere Projekte herantasten können.

Schnitzeljagd ganz klassisch oder raffiniert in Digitalversion

Kinder erschließen sich etwa durch Spiele-Apps neue Zugänge zu ihrem realen Wohnumfeld, erstellen Hörspiele, Hörlandkarten und Audioguides. Oder sie machen sich anhand einer interessanten Spielstory auf eine Heldenreise durch ihren Stadtteil. Auf der Hitliste der besonders beliebten Formate steht „Bildungsforscher unterwegs“ ganz oben. Es orientiert sich an der klassischen Schnitzeljagd. „Man kann es raffiniert umsetzen und prima an die Gegebenheiten vor Ort anpassen. Auch hierbei ist individuell bestimmbar, wie stark die digitalen Anteile sind“, erzählt Laura Mittenzwei. Sie stellt fest, dass sich die digitalen Rallyes mit dem Wandel der technischen Möglichkeiten verändern: „Waren vor Jahren QR-Codes oder Geo-Cache-Spiele angesagt, sind inzwischen Apps zeitgemäßere Tools. Damit öffnen sich spannende Spielräume: Apps sind vielfältig einsetzbar und bieten genügend Anlässe, um mit den Teilnehmenden über die Themen Datenschutz und Medienkonsum zu sprechen“, so Laura Mittenzwei. Sie beobachtet, dass der „Sozialraum Internet“ eine große Bedeutung hat für Kinder und Jugendliche: „Das Internet und die digitalen Medien sind längst auch so etwas wie das Wohnumfeld der nachwachsenden Generationen geworden – sie fühlen sich dort zu Hause, es ist ihre Lebensrealität.“

Rallyes auch möglich in Zeiten von Kontaktbeschränkungen

Vielen Spielmobilen vor Ort ist es gelungen, auch in Zeiten strenger Kontaktbeschränkungen Angebote für Kinder und Jugendliche durchzuführen. Etwa im Projekt „GAME – Gemeinsam Abenteuer & Medien Erleben“: Das Bündnis aus dem Spielmobil der Kindervereinigung® Chemnitz e.V., der Wohngruppe Bernsdorf des Freundeskreis „Indira Gandhi“ e.V. sowie dem Stadtteilmanagement Reitbahnviertel der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Chemnitz und Umgebung e.V. blieb trotz der Pandemie bestehen. Kinder im Alter von vier bis 15 Jahren erkundeten in Kleingruppen ihr Wohnumfeld, entdeckten interessante Orte und entwickelten dort spannende Rätsel und Aufgaben. So entstand auch eine breit angelegte QR-Code-Rallye mit Rätsel- und Escape-Games-Elementen für die Stadtteile Lutherviertel, Bernsdorf und Reitbahnviertel, die wie eine Abenteuergeschichte aufgebaut ist. Unter Anleitung von Fachkräften gestalteten Kinder und Jugendliche diese Rallye in ihrem Wohnumfeld selbst mithilfe von einfachen digitalen Tools. „Die Gruppengrößen wurden mit Bedacht Corona-konform klein gehalten mit lediglich sechs Kindern und einer pädagogischen Kraft“, erläutert Laura Mittenzwei.

Knifflige Rätsel und aktuelle gesellschaftliche Themen

Im Format „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ gestalten Kinder mittels Simulationsspielen und VR-Tools ihre Umgebung neu. Im Projekt „Macht Burg!“ haben Jugendliche zum Beispiel unterschiedliche Exit-Räume entwickelt. Der Exit- oder Escape-Raum ist ein Spielprinzip, das in den vergangenen Jahren populär geworden ist. Es wird virtuell oder auch real gespielt. In kleinen Gruppen werden in knapp bemessener Zeit Rätsel gelöst, um aus einem Raum zu entkommen. Gelingt es, geheime Botschaften oder Rätsel zu entschlüsseln, öffnet sich am Ende die Tür. „Die Projektlaufzeit ging über zweieinhalb Jahre“, berichtet Laura Mittenzwei. „Die Zeit wurde genutzt, um partizipativ Arbeitsprozesse anzustoßen und gemeinsam mit den Teilnehmenden Themen zu entwickeln. Diskutiert wurden das Wählen, die MINT-Fächer oder die Verzahnung analoger und digitaler Spielwelten. In den kommenden zwei Jahren soll das Projekt weitergeführt werden. Dann wird es um die Schwerpunkte Verschwörungstheorien und Klimawandel gehen.“ 

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der mobilen spielkulturellen Projekte initiiert als Verband bundesweit Bündnisse für Bildung unter dem Titel „bildungsLandschaft im Wohnumfeld spielend erforschen, gestalten und aneignen“. Die Bündnisse eröffnen Kindern und Jugendlichen im Alter von vier bis 15 Jahren Möglichkeiten, neue kulturelle Erfahrungen zu machen. Sechs unterschiedliche Formate sind auf fünf Ganztage oder zehn halbe Tage ausgelegt. Die Spannweite reicht von spielpädagogischen Ansätzen ohne Medieneinsatz über digitale Rallyes zur Stadtteilerkundung bis hin zu Simulationsspielen und Virtual Reality Instrumenten. So wurden etwa im Projekt „Macht Burg!“ fünf unterschiedliche Exit-Räume entwickelt. Das Projekt wurde umgesetzt von Wundersam anders e.V. im Bündnis mit dem Jugendkulturzentrum Schoko e.V. und dem Lehrstuhl für Medienwissenschaft der Universität Bayreuth.