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„Im Zirkus sind alle richtig“

Zirkus macht stark / Zirkus für alle e.V.

Die Integration von Flüchtlingen ist für viele Gemeinden eine Herausforderung. Dass ein offener und toleranter Umgang miteinander funktionieren kann, beweist das Zirkusprojekt des Unabhängigen Jugendzentrums Komplex Schüttorf e.V. Gemeinsam mit der Oberschule Schüttorf sowie der Zirkusschule „Seifenblase“ e.V. Oldenburg als Bündinspartner startete ein Zirkusprojekt mit geflüchteten Jugendlichen sowie Teenagern aus der Umgebung. Das Resultat: ein Best-Practice-Beispiel für die Integration.

2015: Die Neuen in der Stadt

Projektleiterin Heide Becker erinnert sich an die schwierige Situation, die herrschte, als die Jugendlichen aus Syrien „ihren Platz“ in der Gemeinde suchten. „Die Kinder hatten viel auf ihrer Reise nach Deutschland erlebt und trotz eines gut aufgestellten Flüchtlingspatennetzwerkes fiel es ihnen schwer, sich zu orientieren und wirklich willkommen und zugehörig zu fühlen“.

Vor diesem Hintergrund entstand bei einem gemeinsamen Treffen mit Ines Rosemann von der Zirkusschule „Seifenblase“ und Heide Becker die Idee: Ein Zirkusprojekt, bei dem die Teenager gemeinsam verschiedene artistische Fähigkeiten erlernen und ihr erworbenes Wissen gemeinsam mit zirkuspädagogischen Fachkräften in einer Zirkuswoche und einem anschließenden Zirkuskurs an Grundschulkinder weitergeben können.

2016: Das erste Mal Zirkusluft schnuppern

Das Projekt startete im Juni mit einem Schnuppertag in der Oberschule Schüttorf. Die Jugendlichen konnten in die Zirkuswelt eintauchen und verschiedene Techniken der Luftartistik, Jonglage, Akrobatik und Äquilibristik (z. B. Seiltanz) ausprobieren. Sie waren sofort Feuer und Flamme. Schwieriger war es, die jungen Geflüchteten für den Zirkus zu begeistern. Das Flüchtlingspatennetzwerk der Stadt und das „Cafe Contact“ halfen aber diese Hürde zu nehmen.
 
Am darauf folgenden Wochenende begann dann ein Zirkusworkshop, an dem 17 Jungen und Mädchen teilnahmen. Darunter waren auch sechs Jungen aus Syrien. Vorerfahrungen oder eine besondere Geschicklichkeit waren für die Teilnahme allerdings keine Voraussetzung. „Wir freuen uns über alle, denn im Zirkus sind alle richtig“, berichtet Becker schmunzelnd.

„Für uns ist der Zirkus etwas ganz Normales, aber die Jugendlichen aus Syrien hatten dieses Format so noch nicht erlebt. Das eigene Wirken als Artisten in der Manege war ihnen neu“, erklärt Becker. „Wir haben dann kurze Filme vorgeführt und Fotos von Zirkusaufführungen gezeigt. Der Knoten ist aber erst so richtig geplatzt, als sie den Zirkus spürbar erlebt und mitgestaltet haben.“

Im Verlauf des Zirkusworkshops wuchsen die jungen Artisten und Artistinnen zu einer Gemeinschaft zusammen. „Für die syrischen und die Schüttorfer Jugendlichen war diese Erfahrung wichtig. Der Zirkus war ein Aufwachmoment. Sie erkannten: Das macht mir Spaß. Ich bekomme Rückmeldung. Ich werde beachtet und geachtet“, erklärt die Diplompädagogin.

Die Zirkuswoche: Aus Schülern werden Lehrer

Als die Zirkuswoche Ende Juli 2016 mit 50 Grundschulkindern aus der Umgebung startete, konnten die Jugendlichen endlich zeigen, was sie gelernt haben. Mit Unterstützung der zirkuspädagogischen Fachkräfte, gaben sie ihr Können und Wissen an den Zirkusnachwuchs weiter. „Für die syrischen Jungen war das eine wichtige Erfahrung, da sich ihre Rolle vom Hilfesuchenden zum aktiv Helfenden wandelte“, erinnert sich Becker.

Der Höhepunkt der Zirkuswoche war die abschließende Show in der Manege. Der tosende Applaus des Publikums war der wohlverdiente Lohn für das Lampenfieber und schweißtreibende Training.

2017: Der Circus Wirbelwind stellt sich vor

Aus dem Projekt ist mittlerweile eine Kinder- und Jugendgruppe mit festen Trainingsterminen geworden. Seit März treten die Jugendlichen unter dem Namen „Circus Wirbelwind“ auf.

„Mir war nicht bewusst, dass die Jugendlichen so weitreichend beeinflusst werden. Sie haben angefangen, sich auch in anderen Bereichen zu engagieren. Heute herrscht eine ganz andere Stimmung“, berichtet Heide Becker stolz. „Mein Herz schlug schon lange für den Zirkus. Nun hat er mich entflammt.“

Weitere Infos: Komplex Schüttdorf