„Kooperationen prägen das musikalische Leben im ländlichen Raum“
Wann funktionieren Kooperationen in ländlichen Räumen besonders gut? Musikpädagoge Prof. Dr. Thade Buchborn hat diese Frage in Bezug auf Musikvereine und Chöre erforscht.
Welche Rolle spielen Kooperationen in der außerschulischen kulturellen Bildung im ländlichen Raum?
Buchborn: Wir befassen uns an der Hochschule für Musik seit 2020 mit diesem Forschungsthema und sehen: Im ländlichen Raum laufen Dinge oft zwar anders, aber genauso gut und manchmal funktionieren sie sogar besser als in städtischen Räumen. Kooperationen prägen das musikalische Leben im ländlichen Raum und sind dabei oft sehr stark und gut eingespielt. Das ist uns zum Beispiel bei vielen der sogenannten „Landmusikorte“ aufgefallen, einer Auszeichnung für besonders lebendiges und innovatives Kulturleben im ländlichen Raum.
Welche Akteure sind in diesen Kooperationen zentral?
Buchborn: In unserem Forschungsprojekt „Musikvereine als Orte kultureller Bildung“ standen Musikvereine im Mittelpunkt. Im aktuellen Projekt „Zukunft. Land. Musik“ untersuchen wir Gelingensbedingungen und Hürden von Transformationsprozessen in Musikvereinen und Chören im ländlichen Raum. Musikvereine und Chöre sind aus meiner Sicht auch die beiden größten Player in ländlichen musikalischen Bildungslandschaften. Sie kooperieren häufig mit Gemeinden, Musikschulen und allgemeinbildenden Schulen. Darüber hinaus sehen wir Kooperationen bei Festen oder Veranstaltungen mit der Feuerwehr, Sportvereinen, privaten Förderern oder Läden und Unternehmen vor Ort. Wie ein solches Netzwerk aussieht, ist regional sehr unterschiedlich – je nachdem, welche Institutionen vor Ort vorhanden sind.
Wie stärken diese Kooperationen Kinder und Jugendliche auf dem Land?
Buchborn: Das gelingt, wenn sie Synergien erzeugen. Ein Beispiel: Kooperiert ein Musikverein mit dem Ganztagsangebot einer Schule, können etwa kleine Ensembles entstehen, die die Musikkultur an der Schule stärken. Gleichzeitig werden die Vereine sichtbarer, Kinder und Jugendliche erfahren von ihrer Arbeit und musizieren dann vielleicht auch außerhalb der Schule weiter. Für die Kinder bedeuten Kooperationen kürzere Wege und leichtere Zugänge zu kultureller Bildung.
Im ländlichen Raum herrschen andere Rahmenbedingungen als im städtischen: Welche fördern und welche hemmen Kooperationen?
Buchborn: Kulturelle Aktivitäten sind im ländlichen Raum ein wichtiger Faktor für das soziale Zusammenleben. Die Arbeit der Musik-Ensembles und die dörfliche Gemeinschaft hängen oft sehr eng zusammen. Jeder kennt jeden, es gibt kurze Wege. Viele Menschen sind in mehreren Vereinen aktiv und können Kooperationen leichter anbahnen. All das fördert Zusammenarbeit. Gleichzeitig ist die institutionelle Dichte oft dünner. Deshalb ist es wichtig, zu schauen: Welche Akteure gibt es in der Region, was sind ihre Stärken und Schwächen? Hier können regionale und überregionale Online-Plattformen helfen, auf denen Kulturakteure sich und ihre Angebote oder Bedarfe sichtbar machen – beispielsweise welche Förderungen oder Coachings sie suchen. Auf diese Weise können sich sehr nachhaltige Kooperationen anbahnen. Ein Beispiel dazu aus einer sehr ländlichen Region: Dort wollten mehrere Musikensembles qualitativ hochwertige Nachwuchsarbeit etablieren, aber jedes für sich hatte zu wenige Teilnehmende. Sie haben sich regional vernetzt, gründeten einen gemeinsamen Ausbildungsverbund und können nun gemeinsam Lehrkräfte finanzieren, die regelmäßig in die Region anreisen.
Welche Muster zeigen sich in der Forschung: Wann sind Kooperationen langfristig erfolgreich?
Buchborn: Alle wünschen sich Kooperationen auf Augenhöhe. Im Alltag fällt das aber mitunter schwer, wenn Partner mit unterschiedlichen Strukturen und Zielsetzungen, welche nicht unmittelbar kompatibel erscheinen, zusammenarbeiten – zum Beispiel Musikvereine und Musikschulen. Hier empfiehlt sich größtmögliche Offenheit, so dass Potenziale nicht verschenkt werden und die Expertise aller Kooperationspartner wirklich genutzt werden kann. Wer dies bedenkt und eigene Muster erkennt und Ziele reflektiert, kann stärkere Synergien schaffen. Langfristig funktionieren diese Kooperationen besonders dann gut, wenn Sie in der Kooperation nicht nur nebeneinanderher arbeiten, sondern regelmäßig ins Gespräch kommen. Nehmen Sie sich Zeit für Abstimmungen, für Reflexion und für die Beziehungspflege. Zum Beispiel: Wenn Instrumentallehrkräfte in den Musikverein kommen, sollten Sie auch Besprechungszeiten einplanen und vergüten.
Was raten Sie allen, die ein Bündnis im ländlichen Raum aufbauen wollen?
Buchborn: Einzelne Ziele wie „mehr Mitglieder” sind natürlich wichtig. Aber erfolgreiche Kooperationen stellen vor allem eins in den Mittelpunkt: Alle Partner brennen für das gemeinsame Musizieren und wollen diese Freude und das damit entstehende soziale Miteinander an die nächste Generation weitergeben.
Das Interview wurde im Mai 2026 veröffentlicht.