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„Der größte Motivator bleibt Spaß“

Sandra Rasch begleitete viele intergenerationelle Theatergruppen vom ersten Kennenlernen bis zum großen Auftritt. Die Theatermacherin erklärt, warum die Vertrauensbildung schon vor der ersten Probe startet und Wirkungen oft weit über das Projekt hinausgehen.

Porträt von Sandra Rasch im Theaterprobenraum; sieblickt in die Kamera, im Hintergrund Bühnenlicht undProbenmaterial.
Sandra Rasch ist Theatermacherin und leitet den Bereich Junges Theater und Vermittlung am Theater für Niedersachsen in Hildesheim. © Sandra Semburg

Inwiefern beginnt intergenerationelle Theaterarbeit vor der ersten Probe?

Rasch: Theater funktioniert erst, wenn Menschen sich sicher fühlen und sich trauen, etwas von sich zu zeigen. Dafür brauche ich Vertrauen – und das entsteht nicht erst im Probenraum. Ich kläre daher schon im Vorfeld: Wer kann wann kommen? Wie barrierefrei ist der Raum? Welche Bedarfe gibt es – körperlich, organisatorisch, emotional? Bei Kindern braucht es Betreuung, bei älteren Menschen manchmal Assistenz oder einfach mehr Pausen. Jugendliche haben wiederum völlig andere Rhythmen. Manchmal ist es erstaunlich schwierig, eine Uhrzeit zu finden, zu der alle können. Erst dann kann es aber losgehen mit dem Ensemble-Building.

Funktioniert auch das ‚Ensemble-Building‘ anders als bei altershomogenen Gruppen?

Rasch: Beim Ensemble-Building geht es für mich darum, einen sicheren, wertungsfreien Raum zu schaffen, in dem sich alle trauen, etwas von sich zu zeigen. In altershomogenen Gruppen entsteht so ein Raum oft schneller. Mit Menschen sehr unterschiedlichen Alters brauche ich mehr Moderation: Die Teilnehmenden müssen Vorurteile abbauen, durch gemeinsame Erfahrungen zusammengeführt werden – und sie brauchen dafür klare Regeln, wie etwa die, Übungen nicht zu stoppen und Fehler nicht zu kommentieren. Ich versuche, die für das Spiel nötige Fehlerfreundlichkeit gegenüber sich selbst und anderen vorzuleben, erzähle von meinen eigenen Missverständnissen und mache mich notfalls selbst ein bisschen „zum Horst“. Es ist ja „nur Theater“. Der Prozess der Vertrauensbildung dauert bei intergenerationellen Gruppen zwar länger, führt aber oft zu stärkeren Verbindungen, weil alle bewusst lernen, sich aufeinander einzulassen.

Welche Methoden eignen sich besonders für altersgemischte Gruppen?

Rasch: Es gibt keine spezielle Methode. Vieles aus der klassischen Jugendarbeit – wie etwa schnelle Spiele, Ausscheiden, Wettkampf – funktioniert hier nicht. Jugendliche sind immer schneller, und dann verlieren ältere Teilnehmende irgendwann den Spaß. Ich nehme daher das Tempo bewusst raus. Viele Übungen lassen sich genauso gut im Sitzen durchführen oder ohne Zeitdruck. Wichtig ist mir: Jede Übung hat ein Ziel und ist kein Selbstzweck. Ich überlege immer: Was wollen wir heute erreichen – Präsenz trainieren, Material für das Stück erarbeiten oder unser Vertrauen zueinander stärken? Und ich passe Übungen so an, dass alle mitgehen können. Gleichzeitig habe ich immer mehrere Pläne in der Tasche und lasse sie auch wieder los, wenn die Gruppe etwas anderes braucht. Der größte Motivator bleibt Spaß. Die Menschen kommen in ihrer Freizeit. Wenn es keinen Spaß macht, bin ich verloren.

Wo liegen für Sie die größten Herausforderungen?

Rasch: In den unterschiedlichen Erwartungen und Lebensrealitäten. Ein Jahresprojekt hat immer Höhen und Tiefen. Es kann vorkommen, dass Einzelne die Lust an der Sache verlieren. Dann führe ich viele Einzelgespräche, um herauszufinden, was sie brauchen, um dranzubleiben. Und ich sage oft: Entscheidet erst am Ende, ob ihr das gut fandet – mittendrin kann man das manchmal nicht beurteilen.

Warum lohnt sich intergenerationelle Theaterarbeit?

Rasch: Es gibt kaum andere Räume, in denen Menschen unterschiedlichen Alters sich so intensiv begegnen. Wenn eine Gruppe gemeinsam ein Stück entwickelt, schweißt das zusammen. Die Wirkung geht oft weit über das Projekt hinaus: Es entstehen WhatsApp-Gruppen, Menschen treffen sich Jahre später wieder, gehen zusammen grillen, gratulieren sich zum Geburtstag. Bei einem meiner Projekte, es ging um „Heimat“, haben junge Menschen mit Fluchterfahrung und ältere Teilnehmende sich währenddessen und anschließend sogar gegenseitig bei Behördengängen, Wohnungssuche oder Ausbildung unterstützt. Sowas lässt sich nicht planen – aber es zeigt, wie viel diese Arbeit auslösen kann.

Was raten Sie Theatermachenden, die erstmals ein intergenerationelles Projekt starten möchten?

Rasch: Erstens: Anfangen mit schon bestehenden Kontakten. Dann überlegen, wen man noch nicht erreicht und wie man mit dieser Zielgruppe in Kontakt treten kann. Denken Sie dabei etwa an lokale Jugend- und Kulturzentren, Senioren- oder Nachbarschaftstreffs, Schulen, Vereine oder soziale Einrichtungen, die regelmäßig mit Kindern, Jugendlichen oder älteren Menschen arbeiten. Menschen kommen viel eher, wenn bekannte Gesichter oder bestehende Netzwerke sie ansprechen. Mein zweiter Tipp ist: Gucken Sie sich Aufführungen von intergenerationellen Gruppen an, hospitieren Sie, schauen Sie, wie ähnliche Projekte arbeiten. Drittens: Erstmal nicht zu viele Altersgruppen mischen, sondern zum Beispiel nur ältere Menschen und Kinder in die Gruppe holen oder alternativ nur ältere Menschen und Jugendliche. Und: immer realistisch auf die eigenen Ressourcen und die Rahmenbedingungen schauen. Zeit, Geduld, Humor, Ansprechbarkeit – das braucht es unbedingt.

Das Interview wurde im März 2026 veröffentlicht.

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Sandra Rasch ist Theatermacherin und leitet seit 2022 den Bereich Junges Theater und Vermittlung am Theater für Niedersachsen in Hildesheim. Davor arbeitete sie unter anderem am Oldenburgischen Staatstheater, wo sie zahlreiche intergenerationelle Projekte entwickelte. Zudem leitete sie das Junge RambaZamba am gleichnamigen Theater in Berlin, wo sie inklusive und altersgemischte Ensembles zusammenbrachte.