„Für beide Generationen ist der Perspektivwechsel ein echter Gewinn“
Kulturelle Bildung schafft Räume, in denen Jung und Alt einander begegnen. Worauf es bei diesen Projekten ankommt, damit alle profitieren, erklärt Almuth Fricke vom Kompetenzzentrum für Kulturelle Bildung im Alter und inklusive Kultur (kubia).
Frau Fricke, warum brauchen wir generationenübergreifende kulturelle Bildungsangebote?
Fricke: Studien wie die Shell-Jugendstudie zeigen, dass junge Menschen enge und gute Beziehungen zu ihren Großeltern haben. Doch es fehlen in unserer Gesellschaft Begegnungsräume außerhalb der Familie. Kulturelle Bildung schafft diese niedrigschwelligen, kreativen Orte, die wichtig sind, damit sich Generationen auf Augenhöhe begegnen und Vorurteile abbauen.
Nutzen wir das Potenzial solcher Projekte hierzulande bereits gut aus?
Fricke: Nicht genug. Es gibt zwar viele generationengemischte Chöre oder Theatergruppen. Die Teilnehmenden sprechen dort aber nur selten über ihr Miteinander – genau das wäre jedoch für die Wirksamkeit solcher Projekte wichtig. Corona hat zudem viele Kooperationen geschwächt, was sich bis heute auswirkt.
Was lässt sich aus der Forschung zum Thema ableiten?
Fricke: Echte Wirkungsmessung ist schwierig, aber Evaluationen wie die zum EU-Projekt „Mix@ges“ geben zentrale Hinweise: Wichtig ist in intergenerationellen Projekten, dass die Teilnehmenden im Projekt aktiv über ihr Miteinander reflektieren. Nur so lassen sich stereotype Zuschreibungen verändern. Besonders wirksam ist kreatives Tun dann, wenn es Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten jenseits von generationeller Zugehörigkeit sichtbar macht und Dialoge ermöglicht. Zudem unterscheidet die Forschung drei Typen des Lernens: voneinander, übereinander und miteinander. Intergenerationelle kulturelle Bildung sollte vor allem auf das „miteinander lernen“ abzielen.
Wie lernen jüngere und ältere Menschen im Idealfall „miteinander“?
Fricke: Die Zusammenarbeit von Kindern und Jugendlichen mit Seniorinnen und Senioren ist in erfolgreichen Projekten locker und kreativ, was das Knüpfen von neuen Beziehungen insgesamt erleichtert. Die jüngeren Teilnehmenden bekommen dabei Einblicke in andere Lebensalter sowie andere Zeiten und lernen, wie Ältere Probleme gelöst haben. Ältere Teilnehmende fühlen sich durch die Teilnahme oft weniger einsam, erleben Wertschätzung und lernen gleichzeitig von den jungen Menschen, etwa wie KI kreativ beim Songwriting eingesetzt werden kann, welche Sprache Street Art spricht oder wie angesagte Tanzmoves aussehen. Für beide Generationen ist vor allem der Perspektivwechsel ein echter Gewinn solcher Projekte – und daneben die Erkenntnis, dass Kreativität in jedem Alter entsteht.
Wo funktionieren solche Projekte besonders gut und welche Themen eignen sich?
Fricke: Am besten eignen sich offene Orte wie Mehrgenerationenhäuser, Bibliotheken oder soziokulturelle Zentren. Gute Themen sind solche, die alle betreffen – Klima, Frieden, Geschlechterrollen oder auch Essen und Reisen.
Was ist noch wichtig?
Fricke: Forschung zu Ageismus und Adultismus zeigt: Für die Wirksamkeit von intergenerationellen Projekten ist die Haltung der Leitungsperson entscheidend. Sie sollte eigene Altersbilder reflektieren und sich der Dynamiken zwischen Generationen bewusst sein. Wichtig sind außerdem Kenntnisse aus Pädagogik und auch aus der Geragogik. Ein förderliches Setting für beide Generationen ist respektvoll, fehlerfreundlich und stärkenorientiert. Unterschiedliche Lerntempi, Erfahrungen oder Erwartungen muss die Projektleitung moderieren können.
Wie lassen sich Projekte nachhaltig verankern?
Fricke: Nachhaltigkeit entsteht durch langfristige Kooperationen vor Ort. Programme wie „Kultur macht stark“ können wichtige Impulse setzen. Zudem würde ich mir wünschen, dass auch die Schulen und Ganztagsträger sich stärker intergenerationellen Projekten öffnen und so neue Begegnungsräume ermöglichen.
Das Interview wurde im Februar 2026 veröffentlicht.