„Kreativität ist kein Beiwerk, sondern ein Schlüssel zum Lernen“
An der Goethe-Realschule plus Koblenz ist kulturelle Bildung kein Anhängsel, sondern ein integraler Bestandteil des Ganztagskonzepts. Rektorin Nicole Staehle erzählt im Interview, wie das konkret aussieht und den Alltag an der Schule bereichert.
Frau Staehle, kulturelle Angebote haben an Ihrer Schule einen hohen Stellenwert. Wie gelingt es Ihnen, diese nachhaltig in den Schulalltag zu integrieren?
Staehle: Das hat sich über viele Jahre entwickelt. Wichtig ist es, Kultur nicht als Anhängsel zu sehen, sondern als Teil des Ganztags und als Raum für Kreativität und Verantwortung. Kreativität ist für uns kein Beiwerk, sondern ein Schlüssel zum Lernen.
Was bedeutet das konkret?
Staehle: Unsere beiden kunstschaffenden Honorarkräfte sind überall eng eingebunden und unterstützen die Kinder dabei, eigene Ideen zu entwickeln, umzusetzen und zu präsentieren. Wenn Schülerinnen und Schüler beispielsweise ihre Arbeiten bei unseren schulinternen Vernissagen vorstellen, lernen sie, vor Publikum zu sprechen – das stärkt das Selbstbewusstsein und wirkt sich positiv auf andere Fächer aus. Außerdem fördern unsere kulturpädagogischen Projekte – von der Zirkusgruppe über unser Schul-TV bis zum Trash-Drumming – Ausdauer, Neugier und die Bereitschaft, an Herausforderungen dranzubleiben.
Seit 2002 ist Ihre Schule Ganztagsschule, seit 2017 Referenzschule im Programm „Generation K – Kultur trifft Schule“. Was hat sich dadurch verändert?
Staehle: Wir haben damals von 45- auf 60-Minuten-Unterrichtseinheiten umgestellt und das war definitiv ein Wendepunkt. Vorher hatten wir sechs Fächer am Vormittag, jetzt nur noch vier – das entschleunigt. Kulturelle Bildung konnten wir so fest in den Stundenplan der Ganztagsklassen integrieren, die bei uns rund 79 Prozent aller Schülerinnen und Schüler besuchen. Kulturpädagogische Angebote finden seither auch vormittags statt. Und in den regulären Fächern – von Deutsch als Zweitsprache bis Mathe – ist ebenfalls Zeit, Inhalte kreativ auch über Kunst zu vermitteln. Das sorgt für neue Zugänge und mehr Verständlichkeit des Lernstoffs und hat zu deutlichen Kompetenzentwicklungen geführt.
Wie sind Sie beim Aufbau der kulturellen Angebote vorgegangen?
Staehle: In kleinen, machbaren Schritten. Erst kamen die beiden Künstlerinnen, die zunächst punktuell im Unterricht mitarbeiteten. Dann folgten beispielsweise Vernissagen, ein Schulklavier im Foyer und ein Kreativraum. Später richteten wir einen Maker Space ein, wo Kinder Roboter programmieren können. Hätten wir das alles gleichzeitig eingeführt, wäre es kaum zu stemmen gewesen. So aber konnte sich kulturelle Bildung Schritt für Schritt dauerhaft etablieren.
Neben Kultur spielt auch Sport eine große Rolle an Ihrer Schule. Welche Verbindungen sehen Sie zwischen Sport, kultureller und schulischer Bildung?
Staehle: Die Sporthalle öffnet morgens um 7:30 Uhr – dort können sich die Kinder vor dem Unterricht bewegen. Das hilft ihnen, ruhiger und konzentrierter in den Tag zu starten. In freiwillig gewählten Arbeitsgruppen im Bereich des Ganztags wie dem Trash-Drumming schulen sie Motorik und Rhythmusgefühl – und nehmen ihre Energie positiv mit in den Unterricht. Bewegung, Kreativität und Fachwissen greifen bei uns ineinander. Und all das schweißt die Schulgemeinschaft zusammen. So treten bei uns zum Beispiel regelmäßig Schülerinnen und Schüler nach dem Ende des Ganztags noch freiwillig gegen unsere Lehrkräfte an – am Freitagnachmittag beim Basketball und dienstags nach 16 Uhr beim Fußball.
Welche Tipps würden Sie Schulen geben, die kulturelle Bildung im Ganztag stärken möchten?
Staehle: Suchen Sie Künstlerinnen und Künstler, die flexibel und offen mit heterogenen Lerngruppen umgehen können. Und ganz wichtig: Kulturelle Bildung sollten Schulen am besten nicht nur nachmittags ‚anhängen‘, sondern in Ganztagsklassen strukturell verankern. Das erhöht die Verbindlichkeit und bringt allen Beteiligten etwas: den Kindern, den Lehrkräften und der gesamten Schulgemeinschaft.
Das Interview wurde im August 2025 veröffentlicht.