„Am wichtigsten ist die Lust auf ein gemeinsames Abenteuer“
Frühkindliche kulturelle Bildung stärkt Kinder in ihrer Persönlichkeit und aktiviert ihre Fähigkeiten, mitzugestalten. Im Interview erklärt Fabian Hofmann, Professor an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, wie leicht sich das im Alltag und in Bildungsangeboten umsetzen lässt.
Was zeichnet frühkindliche kulturelle Bildung aus?
Hofmann: Frühkindliche Bildung fokussiert ungefähr das Alter bis zum Grundschuleintritt, oft auch noch bis etwa 12 Jahre. Gerade in dieser frühen Lebensphase werden wichtige Grundlagen gelegt. Kulturelle Bildung beschäftigt sich mit dem Ästhetischen, also dem, was unseren Sinnen zugänglich ist – und wie wir dieses Ästhetische erfahren und gestalten. Das kann im Sandkasten genauso erfolgen wie in der Oper. Es geht außerdem darum, was Menschen als bedeutsam betrachten – welchen Sinn sie dem Ästhetischen geben und wie sie diesen Sinn gestalten. Frühkindliche kulturelle Bildung ermutigt junge Kinder also dazu, sich neugierig und offen mit der Welt der Sinne, der Künste und der Kulturen auseinanderzusetzen.
Wie sieht das in der Praxis aus? Woran erkennt man ein gutes Angebot für Kinder?
Hofmann: Ein gutes Bildungsangebot arbeitet mit zwei Dimensionen: Zum einen regt es die Sinne an. Zum anderen bringt es eine Bedeutungskomponente ins Spiel. Es lädt zum Erleben, Nachdenken, Diskutieren und Philosophieren ein. Dafür braucht es nicht immer einen Theater- oder Museumsbesuch – das kann man auch gut im Alltag machen. Zum Beispiel, indem man im Herbst Blätter sammelt und sich gemeinsam fragt: Welche Blätter sammeln wir eigentlich, wie gestalten wir sie weiter und welche Bedeutung hat das?
Wo liegt das Potenzial frühkindlicher kultureller Bildung?
Hofmann: Das Schöne an diesem Alter ist die unglaubliche Offenheit und Neugier von Kindern. Sie sind in diesem Entwicklungsstand sowohl hirnphysiologisch als auch hinsichtlich der Ausprägung ihrer Sinne noch ausgesprochen flexibel. Kinder haben außerdem auch, anders als manche Erwachsene, einen ganz selbstverständlichen Umgang mit Kultur – wenn man sie lässt, malen, singen und tanzen sie eigentlich den ganzen Tag. Und je früher wir Kinder befähigen, Erfahrungen im ästhetischen Bereich zu machen, je besser wir sie in ihrer Persönlichkeit stärken und zur Mitgestaltung der Welt aktivieren, desto mehr befähigen wir sie zu einem kreativen Miteinander.
Wie kann ich als Pädagogin oder Pädagoge auch sehr junge Kinder sinnvoll an kulturellen Projekten beteiligen?
Hofmann: Das ist gar nicht so schwer und meines Erachtens vor allem eine Frage der Haltung: Man sollte nicht aus einer überlegenen Position heraus etwas vermitteln und Wissen herunterbrechen, sondern den Fokus auf gemeinsames Erkunden und Erschließen legen. In der Reggio-Pädagogik gibt es die schöne Metapher, dass Kinder 100 Sprachen haben – 100 Sprachen zu träumen, zu denken, zu sprechen und so weiter. Gerade in der kulturellen Bildung können wir den Kindern infolgedessen 100 Möglichkeiten eröffnen, sich auf vielfältigste Weise auszudrücken – und haben als Pädagoginnen und Pädagogen die Chance, ihnen auf 100 Arten zuzuhören und die Welt mit ihnen auf 100 Arten zu gestalten.
Was möchten Sie Menschen mitgeben, die ein neues kulturelles Angebot für junge Kinder starten möchten?
Hofmann: Als erstes würde ich sagen: „Machen Sie es!“ Und zwar egal, ob Sie eine pädagogische Ausbildung haben, Mutter oder Vater sind. Am wichtigsten ist die Lust auf ein gemeinsames Abenteuer im Ästhetischen. Überlegen Sie sich, welche interessanten Impulse und Materialien Sie einbringen können, die spannend für eine Erkundung oder ein Gespräch wären. Selbst eine Kiste mit Knöpfen lässt sich wunderbar als Anlass nutzen. Ob man die Knöpfe am Ende sammelt und ordnet, aus ihnen Dinge bastelt oder ihre runde Form untersucht – mit jungen Kindern kann all das zu spannenden Projekten führen. Oft entwickeln sich solche Projekte in Richtungen, mit denen man vorher gar nicht gerechnet hat. Der Schlüssel ist, offen für das Ziel der gemeinsamen Reise zu sein.
Das Interview wurde im Oktober 2025 veröffentlicht.