„Eine erhebliche Bereicherung ihres Freizeitlebens“
Niedrigschwellige Angebote, nachhaltige Wirkung: Mit Dr. Michael Retzar von der Serviceagentur „Ganztägig Lernen M-V“ sprachen wir über das Potenzial von Ganztagsbetreuung und welchen Mehrwert kulturelle Bildung in diesem Rahmen schafft.
Was ist Ganztagsbetreuung genau? Und welche Ziele verfolgt sie?
Retzar: Seit 2003 sprechen wir in Deutschland von Ganztagsschulen, wenn sie an mindestens drei Wochentagen eine tägliche Aufenthaltszeit von sieben Stunden oder mehr ermöglichen. Ab August 2026 wird zusätzlich an allen Grundschulen schrittweise der Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung eingeführt – mit mindestens acht Stunden täglich, bestehend aus Unterricht, Angeboten durch Einrichtungen wie Horte sowie Programmen außerschulischer Partner. Das Ziel ist zum einen, beiden Elternteilen die Berufstätigkeit zu erleichtern. Zum anderen ist die Ganztagsschule eine Antwort auf bildungswissenschaftliche Erkenntnisse, die zeigen, dass der schulische Bildungserfolg stark von der familiären Herkunft abhängt. Ganztägige Bildung ist ein gutes Mittel, um auch Kindern aus herausfordernden Situationen Horizonte zu eröffnen und Bildungsbeteiligung zu ermöglichen – insbesondere, weil die Angebote in der Regel kostenfrei sind.
Welche Vorteile bietet die Ganztagsbetreuung für Kinder und Jugendliche?
Retzar: Für viele Kinder stellt der Ganztag eine erhebliche Bereicherung ihres Freizeitlebens und ihrer Bildungsmöglichkeiten dar. Sie begegnen anderen Kindern, bewegen sich mehr und haben einen direkteren Zugang zu Bildungsangeboten, die wichtige Lernprozesse anstoßen. Diese Ganztagsangebote sind freiwillig. Damit viele Kinder sie nutzen, arbeiten wir in Mecklenburg-Vorpommern an möglichst einfachen Zugängen – von Schnupperkursen bis zu digitalen Einwahlmöglichkeiten. Indem wir Barrieren abbauen, können weitaus mehr Kinder an diesen freizeitlichen Lebenswelten teilhaben.
Wo liegt das Potenzial von kultureller Bildung im Rahmen von Ganztagsangeboten?
Retzar: Kulturelle Bildung ist ein Türöffner, um Neues kennenzulernen und sich auszuprobieren. Ganztagsangebote sind in dieser Hinsicht sehr niedrigschwellig, sie fungieren als Vermittler zwischen Kulturinstitutionen und jungen Menschen. Kinder und Jugendliche können sich ausprobieren und ihre persönlichen Interessen erkunden – ohne große Vorbedingungen, langfristige finanzielle Verpflichtungen und Aufwand für die Eltern. Dadurch nehmen auch diejenigen Heranwachsenden Angebote wahr, die eigeninitiativ nicht etwa auf eine Theaterwerkstatt zugegangen wären. Der größer angelegte zeitliche Rahmen von Ganztagsangeboten über ein halbes oder ganzes Schuljahr hinweg sorgt zudem dafür, dass Kinder und Jugendliche die für sie interessanten Künste langfristig ausüben können. Auch Schulen profitieren von der Einbeziehung von Kulturpartnern in den Ganztag: Kulturschaffende arbeiten oftmals unkonventioneller und die Auswahl an Bildungsangeboten steigt durch die Einbeziehung außerschulischer Partner deutlich an.
Welche Funktion erfüllen Ganztagsschulen in ländlichen Räumen? Und wie lassen sich in ländlichen Regionen mehr Bildungschancen für junge Menschen schaffen?
Retzar: Ganztagsschulen fungieren in ländlichen Sozialräumen oftmals als zentrale Bildungs- und Kulturorte. Es kann sogar sein, dass sie in bestimmten Themenfeldern die einzigen außerunterrichtlichen Bildungsangebote für Kinder vor Ort bereitstellen. In Städten fällt es Schulen oftmals leichter, eine große Palette an außerschulischen Partnern zu finden. In ländlichen Räumen müssen sie sehr viel dafür tun, ein ausreichendes Spektrum an Angeboten auf die Beine zu stellen. Als Serviceagentur versuchen wir, außerschulische Akteure für diese Gegenden zu gewinnen. Zum Beispiel, indem wir regionale Vernetzungsangebote schaffen, die zu mehr Kooperationsprojekten führen. Viele engagierte Akteure nehmen längere Fahrtwege in Kauf, um in ländlichen Räumen ein vielseitiges Bildungsangebot zu ermöglichen – zum Wohl der Kinder und Jugendlichen.
Das Interview wurde im Juli 2025 veröffentlicht.