„Kinder entfalten ihre Persönlichkeit durch Fühlen und Wahrnehmen“
Kulturelle Bildung beginnt schon im Kita-Alltag. Warum frühe ästhetische Erfahrungen so wichtig sind und wie sie Kinder zu starken Menschen machen, berichten Kitaleiterin Melanie Müller und Luisa Leppin, Leiterin des Netzwerks Frühkindliche Kulturelle Bildung.
Frau Müller, wie viel kulturelle Bildung steckt in einem typischen Tag in Ihrer Kita?
Müller: Eigentlich ist der ganze Tag voller Vermittlung kultureller Werte. Es dreht sich bei uns alles darum, offen sagen zu dürfen, was man braucht, sich selbst zu fühlen und gegenseitig wertzuschätzen. Dazu gehört zum Beispiel, Kind und Eltern morgens beim Bringen nach besonderen Bedürfnissen des Kindes an diesem Tag zu fragen. Daneben bringen wir den Kindern im Kita-Alltag eine breite Palette kultureller Bildung nahe – ob ganz klassisch beim Malen, in Kombination mit Bewegungsspielen oder während unseren Spaziergängen.
Warum sollten sich bereits sehr junge Kinder mit Kunst und Kultur beschäftigen?
Leppin: Junge Kinder nehmen die Welt vor allem sinnlich wahr. In dieser frühen Entwicklungsphase trägt kulturelle Bildung maßgeblich zur Stärkung von kreativem Denken, Neugierde und der Fähigkeit zum sozialen Miteinander bei – und fördert dadurch letztlich auch ihre Demokratiefähigkeit.
Müller: Damit kulturelle Bildung im Vorschulalter gelingt, müssen wir auch die Eltern einbinden. Das erreichen wir beispielsweise, indem wir ihnen bei Elternabenden aufzeigen, was für wunderbare Dinge ihre Kinder aus simplen Materialien erschaffen haben. Dadurch wächst ihr Bewusstsein für die Relevanz kultureller Bildung – und damit auch ihre Motivation zur Mitwirkung.
Frau Leppin, wo finden Angebote frühkindlicher kultureller Bildung statt und wer führt sie durch?
Leppin: Zum einen passiert natürlich viel in den Kitas selbst, die als Kulturorte anerkannt werden sollten. Denn sie ermöglichen vielfältige ästhetische Erfahrungen und vermitteln Werte wie Vielfalt, Inklusion und Kinderrechte. Zum anderen findet kulturelle Bildung sowohl an klassischen Kulturorten wie Museen und Bibliotheken oder in soziokulturellen Zentren statt als auch in sozialen Einrichtungen wie zum Beispiel Familienzentren. Oft setzen pädagogische Fachkräfte und Kulturvermittelnde die Bildungsangebote interdisziplinär um. Gerade klassische Kulturorte legen ihren Fokus jedoch oft eher auf Schulkinder und jüngere Kinder kommen zu kurz. Um diesem Defizit entgegenzuwirken, gründeten wir vor fünf Jahren unser Netzwerk Frühkindliche Kulturelle Bildung. Seitdem bringen wir das Thema – beispielsweise über gemeinsame Forderungen – immer wieder auch auf die politische Agenda.
Wie verändern sich Kinder im Vorschulalter, die regelmäßig an kulturellen Bildungsangeboten teilnehmen?
Müller: Kinder entfalten ihre Persönlichkeit durch Fühlen und Wahrnehmen. Durch kulturelle Bildungsangebote lernen sie, sich und ihre Bedürfnisse mitzuteilen und auch ihre Emotionen bereits bis zu einem gewissen Grad zu regulieren. Bereits wiederkehrende, scheinbar banale Aktivitäten wie zum Beispiel gemeinsame Waldspaziergänge stoßen mit ihren vielen sinnlich-ästhetischen Momenten solche Prozesse an. Kinder nehmen die besondere Luft, das spezielle Licht und die zahlreichen Farben und Formen der Blätter wahr. Solche Eindrücke können wir danach im Kita-Alltag weiterführen und damit wertvolle Impulse setzen.
Leppin: Eine Fachkraft aus unserem Netzwerk berichtete von einem Kind, das im Kita-Kontext nie sprach. Eines Tages ist diese Kita-Gruppe gemeinsam ins Theater gegangen – und irgendwann während des Stückes drehte sich das Kind plötzlich zu den Fachkräften um und sagte „Das ist schön“. Das Beispiel veranschaulicht, was Kultur auch im Bereich der Sprachförderung und Inklusion bereits bei sehr jungen Kindern bewegen kann.
Was braucht es, um frühkindliche kulturelle Bildung flächendeckend und dauerhaft zu realisieren?
Leppin: Sie sollte ein Teil von kommunalen und landesweiten Strukturen werden. Wir wirken mit unserem Netzwerk aktuell darauf hin, kulturelle Bildung als eigenständigen Bereich in den Bildungsplänen zu verankern. Zudem braucht es mehr Qualifizierung für Fachkräfte und Kulturschaffende, etwa durch Aus- und Weiterbildungen. Kommunen und Länder müssen auch Familien teilhabeorientiert strukturell stärker einbinden. Zu guter Letzt brauchen wir breite Netzwerke, mit denen engagierte Akteure einerseits den Fachdiskurs mitgestalten und sich andererseits zu guter Praxis austauschen können. Denn nur so gelingt die stetige Weiterentwicklung der Bildungsarbeit. Außerdem ist es hilfreich, dass wir uns manchmal gegenseitig stärkend auf die Schulter klopfen und bewusst machen, was wir trotz der widrigen Umstände bereits alles erreicht haben.
Das Interview wurde im Dezember 2025 veröffentlicht.