„Zuhören, machen lassen, demokratische Haltung zeigen, Vorbild sein“
Wie sieht kulturelle Bildungsarbeit aus, die unsere Demokratie stärkt? Ein Interview mit Sabine Achour, Professorin für Politikdidaktik und Politische Bildung an der Freien Universität Berlin.
Was kann Demokratiebildung aus Sicht der Forschung bewirken?
Achour: In unserer aktuellen Befragung von Berliner Schülerinnen und Schülern zur politischen Bildung sehen wir, dass Angebote von Demokratiebildung und damit auch kultureller Bildung soziale Ungleichheiten in der Teilhabe verringern können. Es zeigen sich Effekte, wenn Kinder und Jugendliche außerschulische Angebote wahrnehmen, etwa auf ihre politischen Einstellungen oder ihr Demokratievertrauen. Zudem zeigte sich, dass gerade soziokulturell eher benachteiligte Kinder und Jugendliche – wenn sie die Gelegenheit bekommen – besonders viel an außerunterrichtlichen Angeboten teilnehmen und sich stark in Vereinen engagieren.
Warum ist insbesondere die kulturelle Bildung wichtig?
Achour: Kulturelle Bildung hat besondere Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche zu erreichen. Sie bietet andere Zugänge als die klassische politische Bildung. Inhalte wie Musik, Kunst oder Theater adressieren sehr viel stärker die in jungen Lebenswelten verankerten Themen. Kulturelle Bildung kann subtiler – und vielleicht auch eleganter – als andere Bildungsangebote mit Sorgen, Ängsten oder Diskriminierungserfahrungen junger Menschen umgehen. Insbesondere die außerschulische kulturelle Bildung bietet selbst bei Themen, die erstmal unpolitisch erscheinen, zahlreiche Handlungsmöglichkeiten. In Musikprojekten können Kinder und Jugendliche zum Beispiel Frust, Wut oder Sorgen kreativ ausdrücken, Rap-Texte schreiben oder sich in anderen Kunstformen ausdrücken. Sie erhalten Raum für Selbstwirksamkeitserfahrungen, wenn sie ihre Produkte am Ende sehen. Zugleich sind das ja auch oft politische Positionierungen. Das überzeugt uns auch in der politischen Bildung und wir eignen uns diese Zugänge und Methoden daher an.
Was ist in diesem Kontext die größte Herausforderung für kulturelle Bildungsprojekte?
Achour: Es hört sich erstmal relativ einfach an, sich für Teilhabe, für Vielfalt, für bestimmte Werte einzusetzen. Aber Bildungsarbeit beginnt häufig bei den Antipolen, also da, wo Rassismus, Demokratie- und Menschenfeindlichkeit, Klassismus, Sexismus und Adultismus auftreten. Das ist für Pädagoginnen und Pädagogen herausfordernder. Denn auf der einen Seite müssen diese sich fragen, wie sie sogenannte „Safe Spaces“ eröffnen, damit sich Kinder und Jugendliche tatsächlich trauen, über Diskriminierungserfahrungen auch zu sprechen. Auf der anderen Seite brauchen Projektverantwortliche ein Handlungsrepertoire, wenn teilnehmende Kinder und Jugendliche sich demokratiefeindlich, antisemitisch, verschwörungsgläubig oder rassistisch äußern.
Welche Erfahrungen aus der politischen Bildung können helfen?
Achour: Selten haben Kinder und Jugendliche selbst schon gefestigte rechtsextreme oder antisemitische Weltbilder. Stattdessen reproduzieren sie eher das, was sie in unserer Gesellschaft im Verhalten Erwachsener erleben. Es ist deshalb wichtig, dass pädagogische Fachkräfte, wenn sie von solchen Meinungen und Positionen erfahren, die Chance ergreifen, damit pädagogisch zu arbeiten. Das funktioniert nur mit einer gewissen Kompetenz des Aushaltens, die Fachkräfte aber stärken können. Wichtig ist dabei, sich klar zu werden: Ab wann muss ich das Gesagte als menschenfeindliche oder demokratiefeindliche Äußerung markieren? Bei Kindern und Jugendlichen ist das eine ganz besondere Situation. Hier gilt es, erstmal sinngemäß zu antworten: „Du bist hier als Mensch willkommen, aber ich teile deine Meinung nicht.“ Die Äußerung sollte dann besprochen und vielleicht auch mit der Gruppe gemeinsam aufgearbeitet werden. Außerdem empfehle ich allen Teams, gleich zu Beginn eines Projekts, von den Leitbildern ihrer Institutionen ausgehend, gemeinsam rote Linien zu verhandeln und regelmäßig kollegial zu reflektieren, wie man auf bestimmte Äußerungen reagiert. Zusammengefasst ist mein wichtigster Ratschlag für alle, die mit jungen Menschen demokratiebildend arbeiten wollen: Zuhören, machen lassen, demokratische Haltung zeigen, Vorbild sein.
Das Interview wurde im Juni 2025 veröffentlicht.