Die KulturKolchose Lehsten bringt kulturelle Bildung in einem Bündnis im ländlichen Raum zum Wachsen – und verbindet dadurch Kinder aus Syrien, Afghanistan und der Mecklenburgischen Seenplatte. Eine Projektreportage über „Wurzeln wurzeln – Die Radio Musical Show“.
Es ist Montagmorgen, Februar 2026, erster Ferientag in der Büdnerei Lehsten, einem alten Gehöft im mecklenburgischen Dorf Lehsten. In einem Theatersaal dichten, singen und spielen siebzehn Kinder zwischen 9 und 15 Jahren – manche aus dem Dorf, andere aus Neubrandenburg. Sie nehmen am Projekt „Wurzeln wurzeln – Die Radio Musical Show" teil, das die KulturKolchose Lehsten federführend gemeinsam mit zwei Bündnispartnern umsetzt. Die Lehstener Kultur Alternative e.V. stellt dabei zusätzliche Räume bereit. Eine Mitarbeiterin des Café International der Diakonie Mecklenburgische Seenplatte, Roya Khazaei, begleitet die Kinder aus Neubrandenburg, die allesamt eine Migrationsgeschichte haben. Das Projekt ist gerade erst angelaufen und dauert insgesamt neun Monate: Es finden mehrere Ferienkurse und Wochenend-Workshops statt, die in den Herbstferien in einem großen Auftritt gipfeln.
Geschichten aus der Schatzkiste
„Wurzeln wurzeln“ – worum geht es? Das Projekt möchte Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Kulturen zusammenbringen. Gemeinsam erforschen die Jungen und Mädchen, was sie selbst als ihre Wurzeln verstehen, tauschen sich zu Unterschieden aus und entdecken dabei auch, was sie verbindet und worin sie sich gleichen. In der verschneiten Winterwoche entwickeln die Kinder Geschichten, spielen Szenen, schreiben Texte – auf Deutsch und in anderen Sprachen. Dann kommt alles in eine Schatzkiste: Wurzelrezepte, mehrsprachige Gute-Nacht-Lieder, erste Szenen für den Auftritt im Herbst. Auch ein gedichtetes Lied ist dabei, das zum Ohrwurm wird: „Rawurzel, Rawurzel, erzähl mir von deiner Lieblingswurzel. / Rawurzel, Rawurzel, ist sie vielleicht ganz grün?" Was während des Jahres in die Schatzkiste wandert, soll im Herbst auf eine richtige Bühne: Bei der „Radio Musical Show" werden die Teilnehmenden ihre Geschichten, Lieder und Szenen vor Publikum präsentieren. Eltern, Geschwister und Großeltern aus Lehsten und Neubrandenburg werden kommen, aber auch Neugierige aus der Region. „Es ist so schön hier! Ich wünschte, das gäbe es jedes Wochenende", sagt ein zwölfjähriger Teilnehmer.
Für Melanie Schmidli, die das Projekt gemeinsam mit Lisa Marie Stojčev künstlerisch leitet, ist Offenheit entscheidend für den Projekterfolg: „Ich weiß, was ich tue – aber ich habe keine Ahnung, wie das Radio-Musical am Ende konkret aussehen wird." Die beiden Künstlerinnen haben immer einen Plan, aber verwerfen ihn oft schon am ersten Workshop-Tag wieder. Sie müssen flexibel bleiben, denn welche Übungen sich eignen, hängt von den Kindern ab, die teilnehmen. Auf Leistungsdruck verzichten ihre Workshops komplett. „Das Schönste bei uns ist, dass es nicht so schulisch ist“, sagt Schmidli. Jüngere Kinder locken die teilnehmenden Jugendlichen aus der Reserve, weil sie oft unbekümmerter sind. Eine neunjährige Teilnehmerin stellt sich nach wenigen Tagen einfach auf die Bühne und singt.
Die KulturKolchose gibt es seit 2020 und alle im Verein arbeiten ehrenamtlich, auch Projektmanagerin Steffi Kühn. Sie hat seither Kooperationen für viele kulturpädagogische Angebote mit aufgebaut, auch die mit den Bündnispartnern von „Wurzeln wurzeln“. „Auf dem Land läuft alles über persönliche Ansprache,“ sagt sie. Einfach eine E-Mail zu schreiben und zu erwarten, dass sich daraus eine Kooperation ergibt, funktioniere nicht. Für alle, die sich für ihr Dorf ähnliche Angebote wünschen, hat Kühn einen Rat: Man müsse sich kennen, sich begegnen, beim Vereinsstammtisch aufeinandertreffen. Auch der Bürgermeister, der lokale Vereine regelmäßig zusammenbringt, und das Kulturamt tragen aus ihrer Sicht entscheidend dazu bei.
Was Bündnisse zum Wachsen bringt
Mehr als 60 Prozent der Kinder meldeten sich direkt nach dem Winterworkshop für die Folge-Wochenenden an und brachten zum nächsten Workshop Freundinnen und Freunde mit. Eine Mutter berichtet, ihr Sohn habe hier „einen Ort außerhalb der Schule gefunden, wo er Dinge tun darf, die es in der Schule nicht gibt" – und erstmals eine Vorstellung davon bekommen, dass die Beschäftigung mit Musik und Sound ein Beruf sein kann.
Für Steffi Kühn gibt es eine zentrale Gelingensbedingung für Bündnisse – egal ob auf dem Land oder in der Stadt: „Es braucht ein gemeinsames Thema, das Menschen entflammt. Und dann muss man dieses Feuer nutzen." Die KulturKolchose hat dieses Thema gefunden: die Begeisterung für das Theaterspielen und die Überzeugung, dass kulturelle Bildung im ländlichen Raum kein Luxus ist, sondern wichtig, um Menschen zusammenzubringen und demokratisches Miteinander zu stärken.
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