„Es geht darum, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst neu zu entdecken.“
Als Lehrer und Theatermacher bringt Gerhard Antoni kreative Praxis direkt an Berufskollegs. Im Interview berichtet er, wie Jugendliche durch kulturelle Bildung neues Selbstvertrauen gewinnen und wichtige Kompetenzen für den späteren Berufseinstieg entwickeln können.
Sie sind einerseits Lehrer an einem Berufskolleg und arbeiten andererseits als Theatermacher. Wie verbinden Sie diese beiden Bereiche im Alltag, um junge Menschen zu erreichen?
Für mich gehören diese beiden Bereiche eng zusammen. Sowohl als Lehrer als auch auf der Bühne ist es mir wichtig, junge Menschen zu erreichen, sie ernst zu nehmen und ihnen neue Perspektiven zu eröffnen. Gerade in der Theater- und Kulturarbeit versuche ich, Möglichkeiten für Kreativität, Selbstvertrauen und Eigeninitiative zu bieten. An einem Berufskolleg sind Theater- und Kulturarbeit jedoch nur in wenigen Bereichen des Lehrplans vorgesehen, beispielsweise im sozialen Bereich. In den meisten Bildungsgängen werden diese Felder außerunterrichtlich und somit für die Schülerinnen und Schüler absolut fakultativ von engagierten Lehrkräften – oft in Kooperation mit externen Partnern und Partnerinnen – angeboten. Schule kann dabei zum idealen Ort für kulturelle Erfahrungen werden, da in der Regel eine Bühne oder weitere Fachräume aus den Bereichen Kunst oder Musik genutzt werden können. Das Entscheidende ist jedoch, dass es sich um ein Angebot ohne Noten und Klausuren mit viel Freiraum handelt. Ein freiwilliges Mitmachangebot, das zumeist in der Freizeit stattfindet, erfordert aktuell sehr viel Energie. Am besten gelingt dies, wenn aus Ideen und Wünschen der Schülerinnen und Schüler, die durchaus im Fachunterricht geäußert werden, ein Projektgedanke entsteht und aufgegriffen werden kann.
Warum halten Sie es für so entscheidend, gerade Jugendliche am Übergang ins Berufsleben mit Kunst und Kultur in Berührung zu bringen?
Gerade am Übergang ins Berufsleben oder an die Universität befinden sich junge Menschen in einer besonders wichtigen Lebensphase. Sie müssen Entscheidungen treffen, ihren eigenen Weg finden und lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Kunst und Kultur können sie in diesem Prozess auf einzigartige Weise unterstützen: Jugendliche können eigene Gedanken und Gefühle ausdrücken, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Sie lernen, sich selbst und andere besser wahrzunehmen, im Team zu arbeiten, mit Konflikten umzugehen und kreative Lösungen zu entwickeln. Das sind Fähigkeiten, die nicht nur auf der Bühne, sondern auch im späteren Leben von großer Bedeutung sind. Kunst und Kultur ermöglichen jungen Menschen Erfolgserlebnisse, die sie im schulischen Alltag vielleicht nicht immer erfahren: Wer auf der Bühne steht, eine eigene Idee verwirklicht oder gemeinsam mit anderen etwas erschafft, erlebt Selbstwirksamkeit und entwickelt Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Kulturelle Bildung ist mit der Handreichung Kulturelle Bildung, die auf dem Referenzrahmen Schulqualität NRW basiert, inzwischen selbstverständlicher Bestandteil schulischer Bildung in unserem Bundesland – und das aus gutem Grund.
Sie haben im Laufe der Jahre zahlreiche unterschiedliche künstlerische Projekte an Berufskollegs initiiert. Können Sie uns ein Beispiel vorstellen, das Ihnen besonders am Herzen liegt, und uns die praktische Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern dort skizzieren?
Ein Projekt, das mir besonders am Herzen liegt, sind Theaterarbeiten an unseren beiden Schulbühnen. Dabei ist es mir wichtig, dass nicht einfach ein fertiges Stück einstudiert wird, sondern dass die Jugendlichen selbst an der Entwicklung eines Stücks oder der Modifikation bestehender Textvorlagen aktiv beteiligt sind. Wir starten mit theaterpädagogischen Übungen: Es wird mit Bewegung, Stimme, Improvisation und unterschiedlichen Ausdrucksformen experimentiert. Dabei geht es zunächst darum, Hemmungen abzubauen, Vertrauen innerhalb der Gruppe aufzubauen und eine gemeinsame kreative Basis zu schaffen. Im nächsten Schritt folgt die Themensammlung: Es werden Fragen zur eigenen Identität, zu Zukunftsperspektiven, gesellschaftlichen Erwartungen, Ausgrenzung oder zum Übergang ins Berufsleben und vieles mehr gestellt. Besonders spannend finde ich die Entwicklung, die viele Jugendliche während dieses Prozesses durchlaufen. Schülerinnen und Schüler, die sich anfangs kaum trauen, vor anderen zu sprechen, übernehmen im Laufe der Treffen Verantwortung, bringen eigene Ideen ein und stehen schließlich selbstbewusst auf der Bühne. Der Erfolg eines solchen Projekts ist nicht allein die Aufführung am Ende. Viel entscheidender ist, was auf dem Weg dorthin passiert: Die Jugendlichen entdecken ihre Fähigkeiten, erleben Gemeinschaft und erfahren, dass ihre Geschichten und Perspektiven wichtig sind. Genau diese Erfahrungen machen Theater zu einem so wertvollen Bestandteil kultureller Bildung.
Gibt es besondere Hürden oder Herausforderungen, wenn Sie ein Kulturprojekt initiieren, und wenn ja: Wie bauen Sie diese in Ihren Projekten ab und wecken die Neugier von Jugendlichen, die bisher wenig Kontakt zu kulturellen Orten hatten?
Gerade am Berufskolleg begegnen mir oft Schülerinnen und Schüler, die bisher kaum Berührungspunkte mit Theater, Museen oder anderen kulturellen Einrichtungen hatten. Manche verbinden damit sogar eine gewisse Schwellenangst oder das Gefühl, dass diese Angebote nicht für sie bestimmt sind. Deshalb ist mir ein niedrigschwelliger Zugang besonders wichtig. Ich möchte den Jugendlichen nicht das Gefühl vermitteln, sie müssten bereits etwas über Kunst oder Theater wissen. Im Gegenteil: Sie sollen neugierig sein, Fragen stellen, experimentieren und auch Fehler machen dürfen. Wir beginnen deshalb häufig mit ihrer eigenen Lebenswelt, ihren Interessen, ihrer Musik, ihren Geschichten und den Themen, die sie tatsächlich bewegen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass ich Kultur möglichst direkt zu den Jugendlichen bringe. Das bedeutet, zunächst im vertrauten Umfeld der Schule kreative Erfahrungen zu ermöglichen und von dort aus gemeinsam neue kulturelle Räume zu entdecken. Natürlich spielen auch ganz praktische Herausforderungen eine Rolle: Die Angebote sind stets auf Freiwilligkeit ausgelegt und finden außerhalb des unterrichtlichen Rahmens statt. Daher sind sie auch sehr begrenzt, was finanzielle Mittel, organisatorische Fragen und unterschiedliche sprachliche oder persönliche Voraussetzungen betrifft. Hier braucht es Flexibilität, eine gute Zusammenarbeit und vor allem Menschen, die an die Möglichkeiten solcher Projekte glauben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Neugier vor allem dann entsteht, wenn Jugendliche sich ernst genommen fühlen und merken: Hier geht es auch um mich, um meine Ideen und um meine Perspektive. Es braucht also keine Begeisterung für Kultur durch theoretische Abhandlungen. Vielmehr müssen Gelegenheiten geschaffen werden, Kultur selbst zu erleben und mitzugestalten.
Erinnern Sie sich an eine besondere Situation, die die Kraft der Theaterarbeit mit den Jugendlichen veranschaulicht?
Ja, an eine Begegnung erinnere ich mich besonders gern. Es war ein Jugendlicher, der zu Beginn des Projekts sehr zurückhaltend war. Er gehörte zu denjenigen, die sich im Unterricht eher im Hintergrund hielten und wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zeigten. Auf die Idee, selbst einmal auf einer Bühne zu stehen, hätte er anfangs vermutlich nicht viel gegeben. Doch im Laufe der gemeinsamen Theaterarbeit, zu der ihn seine Peer-Group einfach mitgenommen hat, veränderte sich etwas. Durch die Improvisationen, die Gruppenübungen und die Entwicklung eigener Szenen begann er, sich zunehmend einzubringen. Er entwickelte eigene Ideen, übernahm Verantwortung und traute sich schließlich, vor Publikum aufzutreten. Besonders berührend war für mich nicht allein die Aufführung, sondern die Veränderung, die ich bei diesem Jugendlichen beobachten konnte. Er hat erfahren, dass seine Stimme zählt, dass seine Ideen wertvoll sind und dass er etwas schaffen kann, was er sich vorher vielleicht selbst nicht zugetraut hätte. Solche Momente zeigen mir immer wieder, worum es bei meiner Arbeit eigentlich geht. Es geht nicht darum, aus jedem Jugendlichen einen Schauspieler oder eine Schauspielerin zu machen. Es geht darum, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst neu zu entdecken.
In Ihrer Funktion im Aufsichtsrat der Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit, Bildung, Kultur NRW e. V. blicken Sie auch auf die strukturellen Rahmenbedingungen. Welche Hürden müssen wir gemeinsam noch nehmen, um kreative Bildungsangebote fest und flächendeckend in der Berufsausbildung zu verankern?
Kulturelle Bildung wird nach wie vor häufig als Zusatzangebot verstanden und nicht als selbstverständlicher Bestandteil ganzheitlicher beruflicher Bildung. Wir müssen deshalb auf mehreren Ebenen ansetzen: Erstens benötigen wir eine verlässliche finanzielle Förderung. Kulturelle Bildungsprojekte benötigen Zeit, externe, qualifizierte Künstlerinnen und Künstler sowie eine angemessene organisatorische Begleitung. Eine auf Partizipation und Freiwilligkeit ausgelegte Kultur- und Jugendarbeit – auch im schulischen Kontext – muss ergebnisoffen gestaltet werden. Zweitens müssen wir die Zusammenarbeit zwischen Berufskollegs, Kulturinstitutionen, freien Künstlerinnen und Künstlern sowie außerschulischen Bildungsträgern stärken. So entstehen nachhaltige Strukturen, von denen alle Beteiligten profitieren. Drittens brauchen wir ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass kulturelle Bildung kein Gegensatz zur beruflichen Qualifizierung ist. Im Gegenteil: Sie vermittelt wichtige Kompetenzen für die Arbeitswelt. Sie darf allerdings weder losgelöst von sonstigen Bildungsprozessen betrachtet noch als reines Mittel zum Zweck für die berufliche Bildung eingesetzt werden. Schließlich müssen wir den Berufskollegs mehr Freiräume und Unterstützung geben, damit solche Angebote nicht zusätzlich zur ohnehin hohen Belastung des Schulalltags organisiert werden müssen. In meiner Funktion im Aufsichtsrat der LAG ABK ist es mir besonders wichtig, diese verschiedenen Perspektiven zusammenzubringen. Mein Wunsch wäre, dass wir künftig nur noch darüber reden müssen, wie wir kulturelle Bildung am Berufskolleg bestmöglich gestalten können. Denn jeder junge Mensch sollte unabhängig von seiner Herkunft, seinem Bildungsgang oder seinen finanziellen Möglichkeiten die Chance erhalten, Kunst und Kultur kennenzulernen und selbst kreativ tätig zu werden. Kulturelle Bildung ist für mich kein schmückendes Beiwerk der Ausbildung, Berufs- und Studienvorbereitung, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung.
Welche Rolle spielen außerschulische Partnerinnen und Partner sowie lokale Netzwerke dabei, neue kulturelle Lernwelten an Berufskollegs zu erschließen?
Sie öffnen Türen zu Erfahrungsräumen, die der schulische Alltag oft nicht bieten kann. Ich sehe sie deshalb als wichtige Mitgestalter kultureller Bildungsprozesse. Theater, Museen, Kulturzentren, freie Kunstschaffende, Vereine und Initiativen bringen jeweils ihre eigenen Kompetenzen, Perspektiven und Arbeitsweisen ein. Durch diese Zusammenarbeit lernen die Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Formen von Kunst und Kultur kennen. Sie erleben, dass kulturelle Bildung weit mehr ist als ein Theaterbesuch oder ein Museumsrundgang. Dabei braucht der ländliche Raum besondere Aufmerksamkeit, denn wir auf dem Land haben viele der Möglichkeiten einer großen Stadt schlichtweg nicht. Besonders wertvoll finde ich es, wenn professionelle Künstlerinnen und Künstler beispielsweise gemeinsam mit einer Klasse ein Projekt entwickeln, ein Museum zum kreativen Experimentierraum wird oder Jugendliche ihre eigenen Ideen im öffentlichen Raum präsentieren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Nachhaltigkeit solcher Kooperationen. Einzelne Projekte können wunderbare Impulse setzen. Wirklich wirksam werden sie aber erst, wenn daraus langfristige Beziehungen und verlässliche Netzwerke entstehen. Lehrkräfte, Kulturschaffende, Schulen, Kommunen und Bildungsträger sollten deshalb regelmäßig miteinander im Austausch stehen und gemeinsame Perspektiven entwickeln. Gerade für Schülerinnen und Schüler berufsbildender Schulen, die häufig sehr unterschiedliche Bildungsbiografien und kulturelle Erfahrungen mitbringen, können solche Begegnungen prägend sein. Sie entdecken Orte, Menschen und Ausdrucksformen, die ihnen bisher möglicherweise fremd waren, und erfahren, dass auch sie Teil dieser kulturellen Welt sind.
Was wünschen Sie sich für die kulturelle Bildungslandschaft an Berufskollegs in den nächsten zehn Jahren, insbesondere im Zusammenspiel mit Förderprogrammen wie „Kultur macht stark“?
Ich wünsche mir, dass jedes Berufskolleg die Möglichkeit erhält, langfristige kulturelle Kooperationen aufzubauen und seinen Schülerinnen und Schülern vielfältige künstlerische Erfahrungen zu ermöglichen – unabhängig von deren sozialer oder finanzieller Situation. Förderprogramme wie „Kultur macht stark“ sind dabei von großer Bedeutung. Sie ermöglichen insbesondere jungen Menschen, die bislang wenig Zugang zu kulturellen Angeboten hatten, ihre eigenen kreativen Potenziale zu entdecken und aktiv am kulturellen Leben teilzunehmen. Solche Programme schaffen wichtige Impulse und bringen Schulen, Kulturpartner und lokale Akteure zusammen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir über die Projektförderung hinausdenken. Zeitlich begrenzte Förderprogramme sind wertvoll, aber wir brauchen auch langfristige Perspektiven. Erfolgreiche Kooperationen sollten nicht nach dem Ende eines Förderzeitraums wieder auseinanderbrechen. Dafür braucht es verlässliche Strukturen, eine bessere personelle Ausstattung und eine kontinuierliche Unterstützung derjenigen, die diese Arbeit vor Ort leisten. Besonders wichtig ist mir auch, dass wir die Jugendlichen selbst stärker in den Mittelpunkt stellen. Sie sollen nicht nur an Kulturangeboten teilnehmen, sondern auch ihre eigenen Themen, Ideen und künstlerischen Ausdrucksformen einbringen können und die kulturelle Bildungslandschaft aktiv mitgestalten. Wenn ich zehn Jahre vorausblicke, wünsche ich mir Berufskollegs, an denen Theater, Musik, Tanz, Film, Literatur und andere Kunstformen einen ebenso selbstverständlichen Platz haben wie die fachliche und berufliche Ausbildung. Denn letztlich geht es um mehr als kulturelle Teilhabe. Es geht um Chancengerechtigkeit, Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Mitgestaltung. Wir bilden nicht nur zukünftige Fachkräfte aus und bereiten viele Menschen auf ein Studium vor, sondern auch die jungen Menschen, die unsere Gesellschaft morgen maßgeblich mitprägen werden.
Dieses Interview führten wir im Oktober 2026.