„Jungen brauchen die Möglichkeit, Männlichkeit anders zu erleben“
Im Interview spricht Walid Aitoutalamte über sein talentCAMPus-Ferienprojekt „Fußball Art Night Edition“. Er berichtet, wie das Projekt über das gemeinsame Interesse am Fußball eine Brücke zu neuen, kreativen Aktivitäten schlagen konnte und so das Selbstvertrauen, die Eigenwahrnehmung und die soziale Teilhabe der Jugendlichen gestärkt hat.
Was war die Idee hinter der „Fußball Art Night Edition“ und wie haben Sie die Jugendlichen aktiv in die Gestaltung einbezogen?
Der gemeinsame Nenner war Fußball. Jeder sollte das Wappen oder Trikot seines Lieblingsvereins auf eine Leinwand malen. Unser Ziel war jedoch von Anfang an größer: Wir wollten, dass diese Jungs kreativ werden und Dinge tun, die sie selbst vielleicht nicht für männlich halten. Überrascht hat uns dann, wie schnell das geklappt hat. Noch bevor wir weitere Impulse gesetzt hatten, haben viele angefangen, eigenständig Figuren aus Anime-Serien zu malen, eigene Motive zu gestalten und Dinge, die ihnen persönlich wichtig waren, umzusetzen. Das zweite große Thema war das gemeinsame Kochen. Ein Junge hatte in einem anderen Zusammenhang erzählt, dass er kein Rührei zubereiten kann. Das hat mich beschäftigt. Ich habe ihn gefragt: „Was machst du, wenn du Hunger hast und allein bist?“ So entstand die Idee, gemeinsam zu kochen. Jede Gruppe war einen Tag lang dafür verantwortlich, für alle das Mittagessen und das Dessert vorzubereiten. Und plötzlich entstand ein echter Wettbewerb, fast wie bei „Das perfekte Dinner“. Auf einmal war das Kochen nicht mehr Pflicht, sondern Ehrensache. Das hat funktioniert, weil die Jugendlichen echte Verantwortung übernommen haben. Nicht nur für sich selbst, sondern auch füreinander.
Sie sind selbst in Waldau aufgewachsen: Wie wichtig war diese Vertrautheit mit dem Sozialraum, um anfängliche Skepsis abzubauen und Begegnungen auf Augenhöhe zu schaffen?
Für mich war das die Grundlage für alles. Ich kenne diese Jugendlichen aus der Schule, von der Nachhilfe, von Fußballturnieren und aus dem Alltag in unserem Stadtteil. Wenn ich mit ihnen rede, wissen sie: Der kennt unsere Welt. Dem talentCAMPus-Projekt ging das von der Nassauischen Heimstätte geförderte Jahresprojekt „Mein Stern“ voraus. Dadurch hatten wir die Möglichkeit, über ein ganzes Jahr hinweg ein offenes Lern- und Unterstützungsangebot im Stadtteil aufzubauen. Es gab keine komplizierte Anmeldung und kein festes Programm. Wir waren einfach da. Das talentCAMPus-Projekt war also der Höhepunkt dessen. Waldau ist für mich zudem kein Problemraum. Es ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, an dem Beziehungen entstehen und an dem Jugendliche selbst aktiv werden. Ich bin ein Kind von Gastarbeitenden und meine Familie hatte damals nicht die Mittel, deshalb weiß ich aus eigener Erfahrung, was solche Angebote bedeuten können. Außerdem habe ich selbst erlebt, was es bedeutet, in dieser Gesellschaft anders wahrgenommen zu werden. Als ich siebzehn war, stand ich im Supermarkt an der Kasse und wollte einer älteren Dame höflich den Vortritt lassen, so wie ich erzogen worden bin. Ihre Antwort war: „Dich hab ich lieber im Blick.“ Damals habe ich das gar nicht richtig verstanden. Heute weiß ich, was solche Momente bedeuten. Das ist Rassismus. Es sind Mikroaggressionen, die sich in den Alltag einschleichen und besonders junge Menschen beeinflussen. Das ist ein schmerzhafter Prozess. Wenn man das selbst erlebt hat, spricht man anders mit ihnen.
Wie ist es gelungen, mit dem Angebot klassische Rollenbilder aufzubrechen und mit den Jungen über Gefühle ins Gespräch zu kommen?
Diese Jungs bekommen jeden Tag bestimmte Vorstellungen davon vermittelt, was ein Mann sein soll. Auf dem Schulhof geht es darum, wer stark und mutig ist und Respekt bekommt. Gleichzeitig möchte ich diese Vorstellungen nicht auf eine bestimmte Herkunft oder Kultur zurückführen. Viele dieser Bilder entstehen auch durch Erfahrungen mit Ausgrenzung, durch den Wunsch nach Anerkennung und durch das Gefühl, nicht dazuzugehören. Wir haben deshalb nie gesagt: „Jetzt setzt euch hin und redet über eure Gefühle.” Wir haben stattdessen einen Raum geschaffen, in dem andere Erfahrungen möglich waren. Aktivitäten wie Kochen, Malen oder das gemeinsame Gestalten von Dingen sind auf den ersten Blick vielleicht nicht mit dem klassischen Bild von Männlichkeit vereinbar. Entscheidend war, dass die Teilnehmer die Erfahrung machen konnten, etwas auszuprobieren, ohne dafür bewertet zu werden. Diese Bilder von Männlichkeit sind nicht so festgefügt, wie sie manchmal wirken. Man kann sie durch Erfahrungen verändern. Das Gedicht „If I ever have boys“ von Daregh Fleming hat mich sehr getroffen. Es beschreibt, was ich mir für diese Jungs wünsche: Jungen müssen nicht weniger männlich werden. Sie brauchen die Möglichkeit, Männlichkeit anders zu erleben, stark zu sein und gleichzeitig verletzlich, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig zu sagen, wenn etwas zu viel wird. Dafür braucht es Räume ohne Publikum und ohne Druck.
Welchen Beitrag leistet ein so niederschwelliges Angebot für mehr gesellschaftliche Teilhabe und echte Bildungsgerechtigkeit vor Ort?
Viele dieser Jugendlichen hätten in den Ferien sonst nichts gehabt, denn viele Familien haben schlicht nicht die finanziellen oder zeitlichen Möglichkeiten, um solche Angebote selbst zu organisieren. Bildungsgerechtigkeit bedeutet für mich deshalb mehr als Schule. Es bedeutet, dass alle Kinder – unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern – Erfahrungen machen können, die sie prägen. Beispielsweise eine Stadiontour, ein Kochwettbewerb oder eine Leinwand, auf der etwas entsteht, das ihnen gehört. Solche Erfahrungen mögen klein erscheinen, aber sie bleiben. Ich bin selbst ein Beispiel dafür. Die Ferienprojekte, an denen ich als Kind teilnehmen durfte, habe ich nie vergessen. Sie haben mich geprägt und beeinflussen bis heute, wer ich bin. Deshalb bin ich überzeugt: Kulturelle Bildung vermittelt nicht nur Wissen. Sie schafft Erfahrungen, Selbstvertrauen und Teilhabe. Und genau das sollte allen Kindern offenstehen.
Was bleibt von der „Fußball Art Night Edition“ und wie hat sich das Miteinander im Viertel dadurch verändert?
An einem der Projekttage haben wir einen großen Tisch im Zentrum von Waldau aufgestellt – mitten zwischen den Geschäften. Dort saßen Jugendliche und malten auf Leinwänden. Die Leute, die zum Supermarkt gingen, schauten zu. Es gab Kommentare. Das war für viele ein ungewöhnlicher Anblick – und genau das war der Punkt. Diese Jungs waren sichtbar. Nicht als Problem, nicht als Gruppe, über die man redet, sondern als junge Menschen, die etwas gestalten. Das ist für mich Miteinander im Viertel: wenn ein Stadtteil seine Jugendlichen anders wahrnimmt – und sie sich selbst auch. Was bleibt, sind Erfahrungen, die man nicht kaufen kann. Jugendliche, die für andere gekocht, gemeinsam etwas geschaffen und sich dabei selbst neu erlebt haben. Dass solche Momente entstehen können, ist das Ergebnis von Programmen wie „Kultur macht stark“, die Jugendlichen Erfahrungen ermöglichen, die sonst nicht für alle zugänglich wären.
Sind aus dieser Dynamik schon neue Ideen oder Projekte entstanden?
Die Arbeit mit vielen dieser Jungs hat eigentlich nie aufgehört. Die Beziehungen, die wir über „Mein Stern“ aufgebaut haben und die durch den talentCAMPus weiter gewachsen sind, bestehen bis heute. Für mich ist das eines der stärksten Zeichen dafür, dass das Projekt wirklich funktioniert hat. Die Erfahrung hat uns außerdem gezeigt, dass geschlechtergetrennte Angebote sinnvoll sein können, insbesondere wenn sie einen geschützten Raum bieten, in dem Jugendliche Dinge ausprobieren können, die sie sonst vielleicht nicht machen würden. Das reine Jungenprojekt war wahrscheinlich das anstrengendste Projekt, das wir bisher durchgeführt haben. Aber gleichzeitig war es auch eines der spannendsten. Und genau deshalb wollen wir in diese Richtung weiterdenken.
Das Projekt ist in Zusammenarbeit mit dem Spracheninstitut DSI entstanden. Warum sind solche lokalen Bündnisse für den Erfolg von Angeboten der kulturellen Bildung so wichtig?
Es gibt Dinge, die man alleine einfach nicht leisten kann. Weder räumlich, noch personell, noch inhaltlich. Unser Träger „Wissen am Stern“ hat seinen Hauptsitz im Zentrum von Kassel und bietet dort unter anderem Deutsch4U-Sprachkurse an. Der KennenLernLaden, in dem das Projekt stattgefunden hat, befindet sich direkt in Waldau. Dadurch erreichen wir die Menschen dort, wo sie leben. DSI bietet Integrationskurse an, sodass wir die Strukturen, in denen diese Menschen leben, kennen. Dadurch entsteht Vertrauen, und dieses Vertrauen spüren auch die Jugendlichen. Für mich ist das kein formales Bündnis, das nur auf dem Papier existiert. Es ist eine Zusammenarbeit, die über Jahre gewachsen ist. Wenn Einrichtungen, die die Jugendlichen bereits kennen und denen sie vertrauen, gemeinsam etwas anbieten, fühlt sich das Projekt nicht wie etwas an, das von außen kommt und nach einer Woche wieder verschwindet. Es wird Teil des Stadtteils.
Welchen Rat geben Sie anderen Initiatorinnen und Initiatoren mit auf den Weg, die ähnliche Projekte für schwer erreichbare Zielgruppen umsetzen möchten?
Ohne Beziehungsarbeit geht gar nichts. Man kann nicht einfach ein Projekt ausschreiben und erwarten, dass Jugendliche, die bisher wenig Zugang zu solchen Angeboten hatten, plötzlich kommen. Was funktioniert, ist, schon vorher da zu sein: in der Schule, beim Fußballturnier und im Alltag. Wenn Jugendliche wissen, wer man ist, wenn sie einem vertrauen und wenn sie merken, dass man sie ernst nimmt, dann kommen sie auch zu einem Ferienangebot. Ich würde anderen empfehlen, sich zu trauen, Dinge anzubieten, die auf den ersten Blick vielleicht nicht wie ein klassisches Jungenprojekt klingen. Kochen, Malen, gemeinsam etwas gestalten. Das funktioniert, wenn der Rahmen stimmt und die Menschen dahinter glaubwürdig sind. Zudem muss man Dinge aushalten können. Mehr als 15 Jungs in diesem Alter in einem kleinen Raum können anstrengend sein. Es gibt Konflikte. Es gibt Skepsis. Aber wenn man dranbleibt, passieren Dinge, die man vorher für unmöglich gehalten hätte. Männlich sein kann viel mehr sein als das, was auf dem Schulhof zählt. Das muss man Jugendlichen nicht predigen. Man muss ihnen die Möglichkeit geben, es selbst zu erleben. Und ich glaube, genau das ist uns mit diesem Projekt ein Stück weit gelungen.
Dieses Interview führten wir im August 2026.