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Zusammenarbeit braucht Nähe

Wie gelingt kulturelle Bildung in Brandenburg und warum sind starke Bündnisse vor Ort dafür entscheidend? Ein Interview mit Tabea Herrmann von der Beratungsstelle „Kultur macht stark“ Brandenburg und Mario Zetzsche aus der Stadtverwaltung der Fontanestadt Neuruppin.

Porträt Mario Zetzsche und Tabea Herrmann
Mario Zetzsche und Tabea Herrmann setzen sich gemeinsam dafür ein, Bündnisse für kulturelle Bildung in Brandenburg zu stärken. © Gordon Welters

Wie gut kommt „Kultur macht stark“ in Brandenburg an?

Herrmann: In Brandenburg erreichen wir Kinder, deren Bildungszugang ansonsten erschwert ist, mittlerweile sehr gut mit „Kultur macht stark“-Projekten. Ich führe das klar auf die jahrzehntelange Netzwerk- und Beratungsarbeit und damit die Infrastruktur zurück, die wir hier in Brandenburg aufgebaut haben.

Zetzsche: „Kultur macht stark“ schließt eine Lücke, weil es die Kooperation zwischen Bildung und Kultur ganz stark unterstützt. Diese zwei Bereiche zusammen zu denken, ist für alle Seiten eine große Herausforderung gewesen. Mit „Kultur macht stark“ sind wir stärker zusammengewachsen.

 

Welche Projekte veranschaulichen besonders gut, wie in Ihrer Region Zusammenarbeit im Bündnis gelingt?

Zetzsche: Da fällt mir als erstes das Zirkusprojekt „Gauklerkids“ des Vereins ESTAruppin ein, das ich aus Sicht der Stadtverwaltung und aus persönlichem Erleben kenne. Möglich wird das Projekt durch eine gute Kooperation zwischen dem Verein, den Schulen und den Schulsozialarbeitenden.

Herrmann: Beeindruckend finde ich außerdem den Verein STATTwerke in Kyritz, der immer  wieder neue Partner für kulturelle Bildung findet: Derzeit läuft das Projekt „RealReel“, gemeinsam mit der Carl-Diercke-Schule in Kyritz, bei dem die Projektpartner die Bedarfe der Kinder vor Ort mit diesen gemeinsam erarbeiten und sie dadurch komplett in ihren Lebenswelten abholen. Gefördert wird das Projekt übrigens vom „Kultur macht stark“-Programmpartner Bundesverband Freie Darstellende Künste. Auch die Projekte des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis gemeinsam mit der Prignitzer Medienwerkstatt sind gute Beispiele: Darin entwickeln Jugendliche Filme, Kampagnen und Podcasts zu Themen, die sie selbst interessieren. Und nicht zuletzt fällt mir die Stiftung Lesen ein: Sie hat allein im letzten Jahr über 20 neue Leseclubs hier in Brandenburg eröffnet, oft an Orten, die die Menschen in der Region schon aus anderen Zusammenhängen kennen und ohnehin regelmäßig besuchen. Auf diese Weise hat die Stiftung neue Zugänge geschaffen und die Leseförderung vor Ort verbessert.

 

Was sind für Sie die wichtigsten Gelingensfaktoren für Bündnisse im ländlichen Raum?

Zetzsche: Ich halte die lokale Verwurzelung für zentral: Die Partner kennen sich, man kommt gut zusammen und versteht, wie die jeweiligen Systeme der anderen funktionieren. Wichtig ist außerdem oft einfach der eine, ‚richtige‘ Kontakt in die Schule, eine persönliche Verbindung in diese Institution. Diese zu finden, ist ein großer Erfolgsfaktor.

Herrmann: Andererseits ist es wichtig, Bündnisse möglichst breit aufzustellen. Bündnisse bleiben viel eher bestehen, wenn sie in ihrer Entwicklung personenunabhängig werden.

 

Wie finden Bündnispartner in Ihrer Region meist zueinander?

Zetzsche: Ganz unterschiedlich. Manche Akteure kommen zu uns als Stadtverwaltung mit der Bitte: Uns fehlt hier was oder wir sehen hier einen Bedarf. So entstehen Projekte. Aber: Aufgrund der Weitläufigkeit der Region ist es auch wichtig, dass wir als Kommune die Projekte aktiv aufeinander aufmerksam machen. So finden Partner zusammen, die sich bisher noch nicht kannten.

Herrmann: Ich sehe auch, dass Kontakte auf sehr unterschiedlichen Wegen entstehen. Zum einen durch direkte oder aufsuchende Beratung, aber auch bei Netzwerkveranstaltungen. Die Kommune ist dabei ein wichtiger Akteur. In Neuruppin haben mehrere Einrichtungen und Institutionen kultureller Bildung dafür das „Netzwerk Kulturelle Bildung“ ins Leben gerufen, das allen lokalen Akteursgruppen der kulturellen Bildung in Neuruppin Raum bietet, um gemeinsame Ziele zu setzen und konstruktiv voranzubringen.

 

Wo liegt für die meisten Kooperationen die größte Herausforderung?

Zetzsche: Die Distanz zwischen den Projektpartnern in Brandenburg ist eine große Herausforderung. Die Verständigung ist oft schwierig.

Herrmann: Und wenn es um die Teilnehmenden geht, ist das Thema Mobilität die größte Herausforderung. Deshalb sind Projekte an Ganztagsschulen und Kitas hier sehr wichtig. Dort erreicht man die Kinder gut. Weitere Lösungen sind Fahrdienste und Sammeltaxis, Abstimmung der Workshopzeiten auf Busfahrpläne oder Intensivformate am Wochenende und in den Ferien, bei denen Teilnehmende gemeinsam an einem Ort untergebracht sind. „Kultur macht stark“ fördert Ausgaben für Transport und in einigen Fällen auch Fahrten mit Übernachtung. Einige Kommunen und Landkreise sind zudem selbst schon richtig gut aufgestellt: Der Landkreis Ostprignitz-Ruppin finanziert beispielsweise für alle Schülerinnen und Schüler ein kostenloses Deutschlandticket – ein großer Vorteil auch für den Verein ESTAruppin.

 

Was trägt am stärksten dazu bei, dass Bündnisse langfristig wirksam bleiben?

Herrmann: Der Lebensweltbezug ist wichtig, eben mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam zu gucken: Was interessiert euch? Nachhaltigkeit kann nur bestehen, wenn das Angebot gut angenommen wird.

Zetzsche: Mein Tipp ist: Nehmt die mit, für die es gedacht sein soll, und fragt bei ihnen ab, ob sie mitmachen würden! Diese Form der Partizipation ist wahnsinnig wichtig. Außerdem hilft es oftmals, schon bei der Projektierung über die Frage nachzudenken: „Was passiert, wenn die Förderung wegbricht, wie könnten wir das kompensieren?“ 

Herrmann: Und nicht zuletzt ist es wichtig, in die Netzwerkbildung zu investieren und sich auch immer als Teil eines Ganzen zu verstehen. Es geht darum, Verbindungen zu schaffen, um vor Ort das Leben aller Menschen gemeinsam zu gestalten. Da sind alle mit im Boot. 

Dieses Interview führten wir im Juni 2026.

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Über die Interviewpartner

Tabea Herrmann leitet die Beratungsstelle „Kultur macht stark“ Brandenburg. Bei der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg (PBK) begleitet sie Bündnisse bis zur Antragstellung und arbeitet eng mit regionalen Akteurinnen und Akteuren im ganzen Land zusammen. Als freie Prozessbegleiterin hat sie unter anderem im Projekt K² Beratung Kommunen beim Aufbau und der Entwicklung kommunaler Bildungsnetzwerke begleitet. 

Mario Zetzsche ist Amtsleiter für Kultur und Tourismus in Neuruppin und kennt die Trägerlandschaft in Ostprignitz-Ruppin gut. Zudem kennt er als Sprecher im Arbeitskreis der Kulturverwaltungen Brandenburgs landesweit die kommunalen Interessen. Als Jurymitglied im Landesprogramm Kulturelle Bildung und Partizipation ist er auch in die Projektförderung eingebunden.