Wie ein Zirkusprojekt Jugendlichen ein Zuhause gibt
In Görlitz schafft das Projekt „CYRKunft für alle“ einen Raum, in dem Jugendliche sich ausprobieren, Verantwortung übernehmen und Gemeinschaft erleben. Ein Beitrag darüber, wie starke Netzwerke die Selbstwirksamkeit junger Menschen fördern.
Manchmal ist Zirkustraining mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung – „es ist ein zu Hause“, bringt es einer von 35 Teilnehmenden des „Kultur macht stark“-Projekts „CYRKunft für alle“ für sich auf den Punkt. Möglich macht das die gemeinsame Arbeit des Vereins KulturBrücken Görlitz, der Friedrich-Ludwig-Jahn-Schule und des soziokulturellen Zentrums Rabryka. Seit Frühjahr 2026 begleitet ihr Projekt Jugendliche beim Erwachsenwerden und verbindet sie über Alters-, Sprach- und Wertegrenzen hinweg.
Projektleiterin Annu Schaaf und der künstlerische und pädagogische Leiter Valentin Hacke verbindet eine langjährige Geschichte: „Wir sind im Jugendzirkus aufgewachsen“, sagt Schaaf. Was sie selbst geprägt hat, geben sie seit Jahren im „Cyrkus“ weiter. Besonders sichtbar wird ihr aktuelles Projekt in der ersten Maiwoche 2026. Auf einer Wiese wächst ein riesiges Zirkuszelt in den Himmel. „Montags haben wir das Zelt mit 20 Leuten aufgebaut, auch einige unserer Jugendlichen waren dabei“, erzählt Schaaf. Fünfzehn Stunden lang schleppen, sammeln und organisieren sie das Material. Was am Ende steht, ist nicht nur ein Zweimaster, sondern ein Bild dafür, wie Kooperation funktioniert: mit vielen Händen, kurzen Wegen und der Bereitschaft, Dinge gemeinsam möglich zu machen.
Am Dienstag starten die Zirkusproben, am Mittwoch kommt das Jugendblasorchester dazu. „Zuerst gab es Vorbehalte auf beiden Seiten: Zirkus trifft Blasmusik – passt das? Doch am Ende,“ sagt Hacke, „sind alle wahnsinnig begeistert von den musikalisch untermalten Auftritten“.
Der Zugang zum Projekt „CYRKunft für alle“ ist bewusst niedrigschwellig. Viele Jugendliche kennt Hacke aus dem Alltag im Viertel. Seit 2024 hat der Verein KulturBrücken Görlitz sein eigenes Zirkus-Domizil mitten in der Stadt: Es gibt einen großen Trainingsraum, dazu Küche und Aufenthaltsbereich. Das soziokulturelle Zentrum Rabryka steht direkt daneben und ist eng dran an den Lebenswelten der Jugendlichen. Das Bündnis greift diese Kontakte auf und entwickelt gemeinsam Wege, um sie einzubinden. Wichtige Zugänge entstehen zudem über die Jahn-Schule. Dort arbeiten die Zirkuspädagoginnen und ‑pädagogen des Vereins oft in Schulprojekten mit und bauen so Vertrauen auf. Hacke und Schaaf versuchen insbesondere junge Menschen einzubinden, die sonst wenig Anschluss finden. In den Wintermonaten, erinnert sich Hacke, erzählte er einer Jugendlichen aus dem Viertel: „Es ist warm bei uns, wir haben Toiletten, es gibt Kekse.“ Kurz darauf stand das Mädchen mit einer Gruppe weiterer junger Menschen vor der Tür, um ins Zirkustraining reinzuschnuppern. Solche Momente zeigen, wie Netzwerke vor Ort funktionieren: nicht abstrakt, sondern über Beziehungen, Vertrauen und Orte, die erreichbar sind. Aus den drei Bündnispartnern wuchs in den vergangenen Monaten ganz organisch ein größeres Geflecht zu dem auch die Musikschule, die Stadt, das Kühlhaus Görlitz und weitere Vereine und Initiativen gehören.
Im Projekt „Cyrkunft für alle“ geht es für die Jugendlichen nicht nur darum, Einrad, Artistik oder das Jonglieren zu lernen: „Hier kann man den Alltag vergessen“, sagt eine Jugendliche. Eine andere formuliert es in Englisch: „I am in Cyrkus, because it is like a family to me.“ („Ich bin bei Cyrkus, weil es für mich wie Familie ist.“) Um Leistung geht es nicht: „Es gibt Jugendliche, die sechs Bälle gleichzeitig in der Luft halten können – und andere, für die schon einen Ball zu halten ein großes Kunststück ist“, sagt Hacke. „Aber auf der Bühne stehen beide nebeneinander.“ Unterschiedliche Voraussetzungen dürfen sichtbar sein und werden wertgeschätzt. Der Ansatz dahinter ist klar: einladen statt ausschließen, Vertrauen aufbauen, Verantwortung übertragen. Schaaf ist überzeugt: „Die beste Anti‑Radikalisierungs‑Methode für Jugendliche ist es, Selbstwirksamkeit zu stärken.“
Höhepunkt der Projektwoche im Mai ist die Aufführung im vollen Zirkuszelt und sogar zwei prominente Gäste sind im Publikum. „Da waren plötzlich der Bürgermeister und der Ministerpräsident da“, berichtet Schaaf. Das macht sichtbar, was hier entsteht – und gibt den Jugendlichen eine Bühne, die sie sonst kaum bekommen. „Das war für unsere Kids eine sehr nachhaltige Erfahrung.“ Bis zum Ende des Projekts im Herbst 2026 werden viele der älteren Teilnehmenden Teamer-Aufgaben übernehmen und so in neue Rollen hineinwachsen. In den Worten des 15‑jährigen Sven ausgedrückt klingt das so: „Im Zirkus zeigen wir den anderen Jugendlichen, dass eine andere Welt möglich ist.“
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„Das Projekt „CYRKunft für alle – Abschied und Neubeginn“ läuft noch bis Ende 2026 in Görlitz. An den beiden wöchentlichen Kursen nehmen 30 bis 35 Jugendliche teil. Bündnispartner sind der Verein KulturBrücken Görlitz, die Friedich-Ludwig-Jahn-Schule und das Zentrum für Jugend- und Soziokultur RABRYKA.
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