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Tanzen verleiht Flügel

„Chance Tanz“ – Bundesverband Tanz in Schulen e. V.

Ein altes, gewachsenes Arbeiterviertel, durchdrungen von Industriebetrieben mit vielen Beschäftigten, das war der Stadtteil Aachen-Nord früher. Heute stehen viele Hallen leer, die Jugendarbeitslosigkeit ist groß. Auch der Zuzug vieler Geflüchteter bedeutet eine Herausforderung für den Stadtteil. „Ich wollte etwas machen, ein Projekt entwickeln, um die Kinder und Jugendlichen im Stadtteil zu unterstützen“, erzählt Yorgos Theodoridis, der seit 1990 als freischaffender Choreograph, Tänzer und Pädagoge tätig ist. Nach vielen Gesprächen und Überlegungen startete vor drei Jahren „Tanz der Skulpturen“ mit dem Leitthema Natur und Verfremdung.

Auch in den Sommerferien 2016 konnte ein Bündnis aus fünf Partnern das Tanzprojekt realisieren – mit einer gemischten Gruppe aus Kindern und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund, darunter sechs Flüchtlingskinder.

„Dabei kam uns zugute, dass wir mit den Jahren feste Strukturen und ein Netzwerk verschiedener Partner aufbauen konnten“, erklärt Dr. Ben Scheffler, der 1. Vorsitzende des Vereins CulturBazar, der für die Planung und Realisation verantwortlich ist. „Wir möchten helfen, Struktur und Leben in das Viertel zu bringen, es ist jedoch schwer, Leute zu motivieren“, räumt Scheffler ein. „Wir sind daher froh, Yorgos Theodoridis zu haben, er kann das hervorragend.“ Der wiederum nutzte seine guten Kontakte zu Sozialarbeitern und Schulen, so dass sich eine hochmotivierte Gruppe von 8- bis 15-Jährigen zusammenfand, um zwei Wochen lang eine Choreographie zu erarbeiten. „Alle wollen lernen und sind bereit, auch außerhalb des Schulalltags konzentriert zu arbeiten“, zeigt sich Theodoridis begeistert. „Es steckt großes Potential im Viertel.“

Es ging natürlich nicht darum, neue Nurejews zu Tage zu fördern, sondern Bewegungen im Rhythmus zu koordinieren und vor allem, als Gruppe zu funktionieren. „Wir haben in kleinen, wechselnden Gruppen gearbeitet, so entstehen neue Ideen und die Teilnehmer lernen sich besser kennen“, erläutert Theodoridis. „Meine Kollegin Photini Meletiadis und ich haben kleine Bewegungssequenzen vorgemacht, an denen sich die Kinder und Jugendlichen orientieren konnten. Der Körper ist unser Instrument, es dauert lange, bis man sich technische Fähigkeiten angeeignet hat, daher lief viel über Improvisation – das ist leichter, weil sie aus eigenen Bewegungen entsteht.“ Am Beispiel der Weide und deren Eigenschaft, biegsam und doch stark zu sein, lernte die Gruppe, sich zu unterstützen und die Scheu zu überwinden, sich vor den Anderen zu zeigen.

Als sehr vorteilhaft erwies sich die Zusammenarbeit mit einer anderen „Kultur macht stark“-Workshop-Gruppe, die, mit Unterstützung von Design-Studenten der FH Aachen, Bühnenbilder und Kostüme entwarf. Beide Gruppen trafen sich nachmittags im Museum Ludwig Forum, um die erarbeiteten Ideen auszuprobieren.
 
Die abschließende Aufführung im Theaterraum „Space“ des Ludwig Forums war ein großer Erfolg – mehr als 200 Besucher kamen, um die Aufführungen von zwei Tanzprojekten zu sehen. „Das war eine tolle Bündelung“, zieht Theodoridis Bilanz. „Die Erfahrung mit Bewegung und Bühnenbild, gemeinsam kreativ zu sein, das hat die Kinder sehr beflügelt. Man sieht, dass sie sich an der Bewegung freuen und für diese Zeit ihre Betroffenheit oder auch Traumatisierung vergessen können.“ Darüber hinaus seien viele der Teilnehmer noch nie im Museum gewesen.

Auch Dr. Ben Scheffler freut sich über einen „Mehrwert“ für die Kinder und Jugendlichen: „Man sieht an der Körperspannung, dass die Teilnehmer sich angestrengt und gefunden haben. Sie wollen zeigen: Hier bin ich! Es sind Freundschaften entstanden, denn auch nach der Aufführung sind die Kinder und Jugendlichen zusammengeblieben.“

Fotos: Thomas Langens