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Eine Illustratorin gibt Auskunft

„Lernen im Grünen“ – Verband der Bildungszentren im ländlichen Raum e. V.

Idyllisch gelegen am Südhang des Teutoburger Waldes liegt das Tagungszentrum Haus Neuland. Optimale Bedingungen, um der Kreativität freien Lauf zu lassen und so fanden sich in den Osterferien zahlreiche Jugendliche zwischen 11 und 13 Jahren dort ein, um bei „Boom, Tschak und Mampf“ eigene Geschichten in Wort, Lied und Bild zu erzählen. 13 von ihnen waren bei Lina Waldes Workshop dabei, um sich in die Geheimnisse des Comic-Zeichnens einweihen zu lasen. Wie die Bilder laufen lernten, erzählt sie selbst…

„So einen Workshop fange ich mit Kennlernspielchen an, die mit Zeichnen zu tun haben. Die Kinder interviewen sich gegenseitig und zeichnen ein Erlebnis des Anderen in vier Panels. Das sind die kleinen Kästchen, in denen ein Comic stattfindet. So entsteht ein Strip, an dem ich schon erste Details erklären kann, zum Beispiel, dass man, wie beim Film, auch Naheinstellungen verwenden kann. Comic und Film haben überhaupt viele Gemeinsamkeiten.

Ich stelle danach die Geschichte der Comics anhand von verschiedenen Zeichnern und Werken vor, darunter auch ältere wie die von Winsor McKay, aber auch zeitgenössische wie die Stories von „Mister O.“ von Lewis Trondheim. Die sind sehr vereinfacht und basieren auf Gags. Das ist ganz wichtig für die Kinder, damit sie nicht denken, sie müssten geniale Zeichner sein – sie sehen, dass man auch mit relativ einfachen Mitteln etwas Interessantes und Witziges zeichnen kann.

Marjane Satrapi aus dem Iran stelle ich vor, um zu zeigen, dass es in dieser Männerdomäne auch weibliche Zeichner gibt und es nicht nur sprechende Enten und Fantasyfiguren gibt, sondern dass man mit langen Comic-Erzählungen, den sogenannten Graphic Novels, auch ernsthafte und autobiographische Geschichten zeichnen kann. Das ist wiederum für die Kinder wichtig, die nicht wissen, was sie zeichnen sollen. Die schauen dann: Was gibt es in meinem Leben, das ich erzählen möchte? Dann zeichnen die Kinder und probieren Medien wie Tusche und Aquarell aus. Wenn es vom Wetter her passt, dann gehen wir raus und zeichnen von der Natur ab. Strukturen von Baumrinden sind gute Motive.

Die Vorkenntnisse der Kinder und Jugendlichen waren unterschiedlich, es gibt absolute Manga-Nerds, die das auch schon richtig gut können. Denen überlasse ich dann auch schon mal den Platz und sie dürfen den anderen zeigen, wie es geht. Einige glauben, sie könnten nicht zeichnen, da ist es schon etwas zäh. Aber jeder Mensch kann zeichnen, das ist keine Matheaufgabe, da gibt es kein richtig und falsch. Man sollte sich von vorgefertigten Vorstellungen, wie etwas auszusehen hat, trennen. Ein guter Einstieg ist das Selbstporträt in 20 Sekunden. Die Kinder sollen sich als Tier oder als Alien zeichnen, da sind alle ganz aufgeregt, aber kommen schöne Ergebnisse heraus, das hat einen Charme und eine Leichtigkeit, da lachen sich alle kaputt und das ist dann der Icebreaker.

Der nächste Schritt ist ein Storyboard der Geschichte, die sie erzählen wollen. Da gibt es viele Ansätze, ich lasse allen Freiraum. Manche schreiben erstmal ihre Geschichte und zeichnen dann dazu die Bilder, andere hangeln sich von Bild zu Bild und wissen noch gar nicht wie es weitergeht – so hat jeder seinen Stil. Am Ende soll dann ein fertiger Comic stehen, und wenn ich dann sage, jeder möchte so langsam zum Ende kommen, werden alle noch mal ganz fleißig. Die Ergebnisse scanne ich ein und die kommen dann alle in ein Magazin, das die Kinder ihrer Familie und Freunden zeigen können. Das ist eine zusätzliche Motivation.

„Kultur macht stark“ ist großartig, weil die Kinder und Jugendlichen sonst an so einem Kurs nicht teilnehmen könnten. Sie haben erzählt, dass so etwas im Kunstunterricht nie möglich wäre, weil die Zeit dort nicht reicht oder es einfach zu laut ist. Außerdem ist die Gruppe zusammengewachsen und es sind neue Freundschaften entstanden. Im Kurs davor hatten wir auch junge Zuwanderer dabei, die auf diese Weise ganz nebenbei Deutsch gelernt haben – und außerdem kann man einen Comic ja auch auf Französisch zeichnen“.