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Drehen statt durchdrehen

„MeinLand – Junge Erwachsene Flüchtlinge“ – Türkische Gemeinde in Deutschland e.V.

Ein klarer Dezembertag in Berlin, weit weg von jedem Trubel. Ein paar Meter weiter liegt der Steinadlerpfad, auf der anderen Havelseite fängt schon Brandenburg an. Das reinste Idyll – wären da nicht die sich schubsenden jungen Männer und würden auf dem malerischen Uferweg nicht Sätze fallen wie „Scheiß-Terroristen!“ und „Dich wollen wir hier nicht haben!“. Fast fliegt der Dunkelhäutige ins Wasser.

Was nach Stress im Paradies klingt, ist in Wahrheit eine Filmszene. Statt Schlägereien liegen Umarmungen in der Luft. Die Szene ist Teil eines Kurzfilms über Rassismus am Beispiel USA. Und die Männer haben Spaß. Den angepöbelten „Afroamerikaner“ spielt der 18-jährige Siaka, ein Jackie-Chan-Fan, der Action und Humor in Filmen schätzt und heute zum ersten Mal selbst das Filmemachen ausprobiert. Siaka stammt von der Elfenbeinküste,  Khoshhalaqa kommt aus Afghanistan und Abdalkader aus Syrien. Sie haben vor dem Dreh alles besprochen – wer das Opfer spielt, wer den Helfer und wer „Rassist 1“ und „Rassist 2“ –  größtenteils auf Deutsch, manchmal mit Hilfe von Dolmetscherin Fatima.

Dass Siaka, Khoshhalaqa und Abdalkader zusammen mit anderen Geflüchteten Kurzfilme produzieren können, ist möglich durch das Förderprogramm „Kulturelle Bildung für junge erwachsene Flüchtlinge: KULTUR MACHT STARK PLUS“. Kulturelle Bildung kann dabei unterstützen, Erlebtes zu verarbeiten und Neues zu verstehen. Vor allem Flüchtlingen im jungen Erwachsenenalter, die nicht mehr zur Schule gehen und oft eine längere Zeit bis zum Übergang in eine berufliche Ausbildung oder Tätigkeit überbrücken müssen, kann kulturelle Bildung die Möglichkeit bieten, die deutsche Sprache zu erlernen und gleichzeitig die Kultur in Deutschland kennen zu lernen. Deshalb fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen von „Kultur macht stark“ Angebote der kulturellen Bildung für Flüchtlinge zwischen 18 und 26 Jahren. Bis Ende 2017 stellt das BMBF hierfür zusätzlich zehn Millionen Euro zur Verfügung.

Zu den fünftägigen „Filming Encounters“ in der Jugendbildungsstätte Konradshöhe sind Geflüchtete aus allen Ecken Berlins gekommen. Siaka reist aus seiner Kreuzberger WG an. Saifa, der im zweiten Kurzfilm über Mobbing in der Schule einen Polizisten mimt, kommt aus Hangar 6 im Flughafen Tempelhof. Khoshhalaqa, in dem einen Film Mathelehrer, in dem anderen Journalist, lebt in Charlottenburg. „Wir haben Teilnehmer aus sechs verschiedenen Heimen dabei“, sagt Medienpädagogin Eva Sperschneider. Sie arbeitet normalerweise mit Jugendlichen, leitet das Filmseminar jetzt aber schon zum zweiten Mal mit Erwachsenen „Es ist schön“, sagt Sperschneider, „dass wir etwas für Ältere anbieten können.“

Von den Teilnehmern interessieren sich alle für Film und Fotografie. Mit großer Begeisterung arbeiten sie ihre Storyboards und Szenen aus. Als handwerklicher Profi mit abgeschlossenem Studium in Film und Schnitt ist Filmemacherin Marlene Assmann dabei. Der 19-Jährige Mohammed aus dem Irak überrascht sie mit seinem Können und Perfektionismus. Schon mit 14 hat er die ersten Smartphone-Videos erstellt, zeitweise hatte er einen eigenen YouTube-Kanal, außerdem ist er „sketching artist“, also zeichnender Künstler. Da checkt man auch beim Außendreh an der Bushaltestelle am Falkenplatz jedes Detail mit Adleraugen ab, die Crew wird schon nicht erfrieren.

Mohammed hat es, wie die anderen, auf die Leinwand geschafft: Zum Projektabschluss liefen die Kurzfilme aus den drei Workshops im Kino. Um das alles zu ermöglichen, arbeiten im Hintergrund viele Kräfte zusammen: Der AWO Kreisverband Berlin Mitte hilft bei der Akquise, die Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrantinnen bei der Sprachvermittlung, die Türkische Gemeinde in Deutschland hat das Filmseminar in ihr Programm „MeinLand – Junge Erwachsene Flüchtlinge.“ integriert. Und auch zwei gewerkschaftsnahe Organisationen sind mit im Boot: Der „Verein zur Jugendförderung des DGB“ organisiert die Seminare federführend, der Verein „verdi Jugendbildungsstätte Konradshöhe“ stellt das gleichnamige Begegnungszentrum am Havelufer zur Verfügung.

2017 heißt es: Fortsetzung folgt. Vier weitere „Filming Encounters“ sind geplant.

Fotos: Markus Wächter