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Die Stadt erkunden und heimisch werden

Wir bilden Deutsch=Land – Bundesverband der Kita- und Schulfördervereine e.V.

Interview mit Bürgermeister Reinhold Schäfer zum Projekt „Balingen ist cool“

Herr Schäfer, „Balingen ist cool“ fand im Sommer 2017 bereits zum dritten Mal statt. Als Bürgermeister von Balingen unterstützen Sie das Projekt tatkräftig. Was ist das Besondere an dieser Stadterkundung?

Die Begeisterung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das habe ich insbesondere bei den Abschlussveranstaltungen miterlebt. Und das zeigt mir, dass wir zusammen mit den drei Bündnispartnern und auch den mitwirkenden Institutionen eine tolle Stadterkundung für Kinder und Jugendliche zusammengestellt haben. Das ist das Schöne daran. Deshalb unterstütze ich das Projekt auch.

Die Gruppe ging auch mal ins Schwimmbad, meist standen aber Institutionen wie die Polizei, das Krankenhaus und auch das Landratsamt auf dem Programm. Was versprechen Sie sich davon, dass Sie die Jungen und Mädchen auf diese Weise mit der Stadt Balingen vertraut gemacht haben?

Mir ist besonders wichtig, dass man über solch ein Programm Hemmschwellen und Ängste vor Institutionen wie Rathäusern oder Landratsämtern abbauen kann. Das funktioniert am besten mit einem Besuch vor Ort, der auf Augenhöhe stattfindet. Wir gehen dazu in Büros, zeigen Abläufe im Rathaus. Die Kinder und Jugendlichen sollen einfach erkennen, dass das Institutionen sind, die den Bürgerinnen und Bürgern mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Wie lief der Besuch im Rathaus ab?

Ein Besuch im Rathaus ist sicherlich nicht vergleichbar mit einem Besuch in einer Eisdiele oder im Schwimmbad. Da können wir nicht mithalten. Aber auch hier ist letztlich keine Langweile aufgekommen. In einer knappen Stunde haben wir die wichtigsten Dienstleistungen hier bei uns besucht. Das ist vor allem der Bürgerservice. Wir haben versucht, den Kindern und Jugendlichen einen guten Überblick zu liefern, damit sie alles kennenlernen. So haben wir ihnen quasi unsere Stadt vorgestellt. Dafür verwenden wir einen dreiminütigen Imagefilm. Denn Bilder zeigen manchmal einfach mehr als Worte.

Was wollten die Kinder von Ihnen wissen?

Natürlich redet man auch über persönliche Dinge. Die Kinder hatten auch Interesse, mich als Bürgermeister näher kennenzulernen. Da ergeben sich auch immer wieder lustige Situationen oder Fragen. Eine häufig gestellte Frage ist, wie lange ich das schon mache. Und von großem Interesse ist auch mein Tagesablauf. Also wann ich aufstehe, wann ich wieder zuhause bin, ob ich Familie habe. Solche Dinge interessieren die Kinder sehr.

Für „Balingen ist cool“ arbeiten die Bündnispartner – Schulförderverein, DRK und Deutscher Kinderschutzbund – mit Institutionen und Behörden Hand in Hand. Immerhin hat die Gruppe in diesem Jahr rund 15 Stationen besucht. Was bedeutet Ihnen als Bürgermeister diese Zusammenarbeit?

Es ist höchst ungewöhnlich – im positiven Sinn – und nicht selbstverständlich, dass ein solches Bündnis über drei Jahre besteht und dabei aktiv bleibt. Deshalb bin ich den Bündnispartnern auch sehr dankbar, dass sie es geschafft haben, dieses tolle, außerschulische Angebot immer wieder auf die Beine zu stellen. Ansonsten würden die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler in der Freizeit kaum die Gelegenheit haben, diese 15 Stationen zu besuchen.

Über die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler entsteht auch ein Kontakt in die Familien hinein, die teils schon lange, teils erst sehr kurze Zeit in Balingen leben. Wie wichtig ist dieser Kontakt?

Auch das ist ein ganz wichtiger Aspekt der Aktion. Über diesen Weg kann den Familien sehr gut aufgezeigt werden, dass sie Teil unserer Gesellschaft sind. Wir können damit auch dem manchmal schwierigen Alltag der Familien etwas Positives entgegensetzen. Gerade in Flüchtlingsfamilien ist oft unklar wie es weitergeht, es bestehen viele Sorgen. Ich denke gerade solche positiven Erfahrungen, die die Kinder mit nach Hause bringen, können der gesamten Familie weiterhelfen und zur Integration beitragen. Denn das Projekt macht deutlich, dass sie Teil unserer Gesellschaft sind.

Und gibt es auch etwas, das Sie von dem Projekt lernen konnten?  

Ja. Ich konnte erkennen, wie dankbar diese jungen Menschen sind, wenn man ihnen in ihrem Alltag ein Kennenlernen der Stadt ermöglicht. Balingen ist mit rund 34.000 Einwohnern nicht so groß, sodass man sich durchaus später mal wieder treffen könnte. Das ist auch hin und wieder schon vorgekommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Projekt für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wirklich etwas bewegt und ihnen etwas bringt. Das ist nicht nur ein Zeitvertreib, sondern kann der erste Schritt sein, durch den sie sich als Mitglied der Gemeinde fühlen, mit dem Ziel, hier heimisch zu werden.

„Balingen ist cool“ wird organisiert von den drei Projektpartnern Schulförderverein der Sichelschule, Kreisverband Zollernalb des Deutschen Roten Kreuzes und dem Orts- und Kreisverband Balingen des Deutschen Kinderschutzbundes. Seit 2015 erkunden jedes Jahr zwischen April und Juni rund 15 Jungen und Mädchen zwischen 6 und 17 Jahren einmal in der Woche „ihr“ Balingen.
 

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Fotos: Irina Herth