Jugendliche, die ihre Wünsche für einen Spielplatz formuliert haben

„Wenn man ’nen Akkuschrauber hat, dann kommen se!“

HINGUCKER! – Jugend Architektur Stadt e. V. (JAS)

Mit dem Projekt HINGUCKER! organisiert Jugend Architektur Stadt e. V. (JAS) seit 2013 Workshops zur Erkundung, Gestaltung und Bespielung öffentlicher Räume mit Kindern und Jugendlichen. An den drei Standorten Berlin, Hamburg und Ruhrgebiet versuchen die lokalen Projekte, auf die Gestaltungs- und Nutzungswünsche von Kindern und Jugendlichen aufmerksam zu machen und Impulse für die Umsetzung ihrer Wünsche und Ideen zu geben. Dabei geht es nicht darum, Kinder und Jugendliche an Baugeschichte heranzuführen, sondern sie vielmehr zu einem reflektierten Umgang mit der eigenen Umwelt anzuregen und ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst kreativ zu werden. Die baukulturelle Bildung findet aktuell kaum Platz in den Lehrplänen der Republik. HINGUCKER! versucht, die Bereiche Kultur und Stadt nachhaltig in die kulturellen Bildungsmaßnahmen Deutschlands zu integrieren. Das Ziel: Kindern frühzeitig vermitteln, dass Stadtplanung und -veränderung ein kreativer Prozess ist, an dem sie teilhaben können. Im Gespräch mit dem Berliner JAS-Projektleiter Ralf Fleckenstein und Juliane Heinrich, Mitarbeiterin in der Begleitforschung, werfen wir einen tieferen Blick in die lokalen Projekte, erfahren, wie die Kinder an das kritische Hinterfragen ihrer Umwelt herangeführt werden und sprechen über die Studie, die parallel zum Projekt durchgeführt wird.

Herr Fleckenstein, Frau Heinrich, welche Themen wurden in den Workshops bisher behandelt?
Fleckenstein: Unsere Projekte unterscheiden sich von Region zu Region. In Hamburg findet das Projekt im Osdorfer Born statt, einer Hochhaussiedlung mit weitläufigen, in vielen Bereichen ungestalteten Außenräumen. Wir arbeiten dort mit Kindern jeden Alters zusammen – darunter sind auch viele Jugendliche, die wir in Berlin zum Beispiel nur schwer motivieren können. 2013 wurde dort ein riesiger Thron gebaut, im Jahr 2014 stand das Projekt unter dem Titel „Mobiles Wohnzimmer im Grünen“. In Dortmund findet das Projekt ebenfalls nahe einer Hochhaussiedlung statt – dort mit Fokus auf die landschaftlichen Freiräume. Ziel ist es, neue Ideen für die Nutzung der Freifläche zu entwickeln. So wurde beispielsweise mit den Kindern, Jugendlichen und Anwohnern ein Gartenprojekt initiiert.

In Berlin breiteten wir 2013 für drei Tage eine Rollrasenfläche vor einem Jugendclub aus, um den Kindern und Jugendlichen die Chance zu geben, den öffentlichen Raum zu gestalten. Dieses Jahr beschäftigten wir uns mit einem verwahrlosten Spielplatz in Wedding, für den 2015 eine Sanierung geplant ist. Mithilfe verschiedener Formate bezogen wir die Kinder und Jugendlichen aus der Nachbarschaft in den Planungsprozess ein. Im Zuge der Umsetzung soll es eine Jugendbaustelle geben, auf der die Kinder ihre Ideen verwirklichen können.

Heinrich: Wir arbeiten mit unterschiedlichen Themen, die Herangehensweise bleibt jedoch gleich. Wir wählen einen Ort, der mit dem Alltag der Kinder verbunden ist, und folgen den Eckpfeilern des Projekts: Erst wird das Umfeld erkundet und hinterfragt. Dann entwickeln wir mit den Kindern Pläne und Modelle, die ihre Veränderungsideen verdeutlichen. Diese werden dann der Gruppe oder auch einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt und schließlich umgesetzt.

Fleckenstein: Dieser Aufbau zeigt sich zum Beispiel in unserem Berliner Projekt 2013: Standort war der Jugendclub Frisbee in der Koloniestraße in Wedding. Es gibt in der Nähe keine Außenfläche zum Spielen, deshalb haben wir mit den Kindern nach dem Motto „Wenn vor Frisbee Rasen wäre …“ einfach einen eigenen Außenraum kreiert. Dazu wurde die Nachbarschaft erforscht und gemeinsam mit den Kindern überlegt, welche Qualitäten dem Kiez fehlen. Die Kinder haben ihre Ideen auf Collagen und auf einer Kunstrasenkachel als 3-D-Modell dargestellt und der Gruppe präsentiert. Als wir schließlich den Rasen platzierten, erweckten wir diese Ideen darauf zum Leben. Das Projekt war ein großer Erfolg – sogar die Idee von HINGUCKER! hat funktioniert: Passanten blieben stehen, fragten nach und staunten über das Projekt.

Inwiefern unterscheiden sich die Projekte in den offenen Jugendeinrichtungen von früheren Projekten an Schulen?
Fleckenstein: Bei einem Schulprojekt weiß man, welche Altersgruppe beteiligt ist, welche Aufgaben man stellen kann und wohin die Reise geht. In einer offenen Situation funktioniert das nur mit einem Fahrplan, bei dem viele Wege zum Ziel führen. Das Alter sowie die Kompetenzen der Kinder sind oft sehr unterschiedlich. Viele kommen aus bildungsfernen Familien und haben beispielsweise Probleme, sauber mit einer Schere auszuschneiden. Deshalb muss man auch bei älteren Kindern noch Hilfestellung leisten. Dennoch: Sobald sie das Arbeitsmaterial sehen, sind die Kinder voll bei der Sache. Eine Projektleiterin sagte mal: „Wenn man nen Akkuschrauber hat, dann kommen se!“ Es gibt ein ganz starkes Bedürfnis nach handwerklicher Arbeit – die Kinder wollen einfach lernen, wie Dinge funktionieren.

Nach welchen Methoden gehen Sie generell vor?
Fleckenstein: In den Projekten finden sie viele Methoden, die der Arbeit eines Stadtplaners oder eines Architekten entsprechen. Um einen Ort kennenzulernen, starten wir mit einer analytischen Phase und führen beispielsweise Interviews, um die Meinungen von Passanten einzufangen. Dies wird gefilmt oder fotografiert und in Fotocollagen oder Mindmaps dokumentiert. Darauf folgt die Konzept- und Ideenentwicklung. Der Höhepunkt ist dann die Realisierung der Ideen im Maßstab 1:1.

Was wird in der Studie zum Projekt untersucht?
Heinrich: Aktuell sprechen wir in Einzel- oder Gruppeninterviews mit den JAS-Mitgliedern, den Zuständigen vor Ort und den studentischen Ehrenamtlichen darüber, wie man die Zielgruppe am besten erreicht und aktiviert, welche Methoden, Formate und Techniken gut funktionieren und wie das Vertrauen der Kinder gewonnen werden kann. Dabei verfolgen wir zwei Ziele: einerseits im laufenden Prozess zum Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch beizutragen und somit die Weiterentwicklung des Projekts zu unterstützen. Andererseits werten wir die Daten auch im Hinblick auf bestehende Forschungsfragen aus, um sie der Wissenschaft sowie interessierten Praktikern zugänglich zu machen.

Wie sind die Rückmeldungen zum Projekt?
Heinrich: Was mich sehr beeindruckt: An allen drei Standorten zeigt sich ein Wiedererkennungswert! Einige Kinder und Jugendliche nehmen schon zum zweiten Mal teil, kennen uns noch und wir sie umgekehrt auch – das hätte ich nach zwei Jahren nicht erwartet! Speziell in Hamburg kann man vom HINGUCKER! schon als Marke sprechen.