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„Meine Identität ist meine Sache“

„Ich bin die Wahl“ – ein Jugend-Kunst-Projekt zur Bundestagswahl 2017 in Bremen

Jugend ins Zentrum! – Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V.


Das Plakat ist ein Hingucker: Elegant gekleidet posiert Tergite vor düsterem Hintergrund. Sie steht – trotz des Outfits – wie eine Arbeiterin in einem Güterbahnhof da. Kleidung und Umgebung wollen nicht zusammenpassen, reiben sich aneinander, werfen Fragen auf.

„Wir verdienen mehr“, lautet der Slogan auf ihrem Plakat. „Frauen müssen genauso viel verdienen wie Männer“, sagt die 18-jährige junge Frau, die vor drei Jahren aus dem Kosovo nach Bremen kam. Die Realität sei jedoch eine andere: Frauen hätten häufig schlechtere Arbeitsbedingungen als Männer und würden geringer bezahlt.
 
Professionelle Künstlerinnen und Künstler leiteten an

Tergites Poster ist im Rahmen des Bremer Jugend-Kunst-Projekts „Ich bin die Wahl“ entstanden. Das Projekt setzt sich auf künstlerische Weise mit dem Thema Wahlkampf auseinander. „Performance, Video, Fotografie, kreatives Schreiben – die Jugendlichen haben verschiedene Kunstelemente in Workshops kennengelernt, ausprobiert und für ihre eigenen Projekte verwendet“, sagt Projektleiterin Katrin „Ka“ Jahn vom Kunsthaus KUBO.

Jeder Workshop wurde von einer Künstlerin, einem Künstler und einem Pädagogen oder einer Pädagogin geleitet. „Das hat mir besonders gut gefallen“, berichtet Tergite. Dabei waren die Videokünstlerin Paulina Cortés, der Fotograf Lukas Klose, die Schriftstellerin Donka Dimova, der Theaterkünstler Felix Reisel, die bildende Künstlerin Ele Hermel und die Modedesignerin Anastasia Lotikova sowie Politikwissenschaftlerin Adrienne Körner. Sie leiteten die Jugendlichen in insgesamt sechs Workshops an und halfen ihnen, eine eigene Ausdrucksform für ihr Anliegen zu finden. Die Jugendlichen formulierten ihre eigenen Themen und fotografierten und filmten sich gegenseitig.

Wechselnde Identitäten

Der 18-jährige Marcel hat zum Beispiel ein Video gedreht, in dem er unzählige Male sein Aussehen und damit seine Identität wechselte. „Ich hatte vier Leitthemen: wovon kann man ein Fan sein, zum Beispiel von Science-Fiction oder Fantasy; was vertritt man politisch: z. B. eine konservative oder alternative Partei; welche geschlechtliche Identität kann man haben, z. B. Mann, Frau oder Transsexueller, und die sexuellen Identitäten“, berichtet er.

Der Kostümworkshop half ihm, die Ausstattung für die Rollen zusammenzutragen. „Die Outfits waren unterschiedlich. Bei Fantasy passte zum Beispiel viel Farbe rein. Mein konservatives Outfit war schlicht, ich trug einen Anzug“, erzählt er. Marcels Botschaft: „Man kann so sein, wie man ist. Egal wie man ist. Das ist die Sache von jedem selbst.“

Rund 30 Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 18 Jahren nahmen an dem Projekt teil, zu dem auch Exkursionen zu politischen Parteien oder zur Bremischen Bürgerschaft gehörten. Dort konnten sie mit Politikerinnen und Politikern aller Fraktionen ein Gespräch darüber führen, wie die Wahlwerbung der Parteien geplant, finanziert und umgesetzt wird.

Partner des Projekts sind das Kulturzentrum Schlachthof, Crea Clic – Kreative Medienpädagogik und die Oberschule am Leibnizplatz. „Es ist beeindruckend, wie viel Engagement die Jugendlichen in die Arbeit gelegt haben“, sagt Ka Jahn. Andere Themen, die sie umgesetzt haben, sind unter anderem Mobbing durch Lehrkräfte in der Schule, Integration, Architektur, die sich mit der Natur arrangiert und der selbstkritische Blick auf jugendlichen Medienkonsum.

Interesse an Performance

Die Motivation der Kinder und Jugendlichen, am Projekt teilzunehmen, sei dabei sehr unterschiedlich gewesen, sagt Jahn. Einige hätten mehr über Politik wissen wollen, andere hätten vor allen Dingen Lust gehabt, mit Foto und Video zu arbeiten oder Performance zu machen. „Dabei herausgekommen ist kein klassisches Projekt der Politikvermittlung, sondern ein Kunstprojekt.“ Vielleicht ist es auch eine gute Mischung.

Vor allen Dingen sind viele freundschaftliche Beziehungen zwischen den Teilnehmenden entstanden. In der WhatsApp-Gruppe des Projekts wird eifrig gechattet und sich zum Thema ausgetauscht. Zurzeit werden die Videos und Plakate fertiggestellt. Die endgültigen Ergebnisse aus den einzelnen Workshops werden Ende August in einer Abschlusspräsentation in der Bremischen Bürgerschaft gezeigt.

Für Tergite und Marcel war das Projekt schon jetzt ein großer Erfolg. „Es hat riesigen Spaß gemacht“, sagt Tergite. Jeder Tag sei spannend gewesen. „Ich habe entdeckt, dass ich gut in Regie bin“, sagt Marcel. Außerdem fand er heraus, dass die Zusammenarbeit im Team jedes Einzelprojekt noch ein bisschen besser gemacht habe. „Das war für mich eine geniale Erfahrung“, sagt er.

Zum Video geht es hier und folgend das Plakat: