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„Bunt genug?!“: Jugendarbeit gegen sozialen Zündstoff

„Ich bin HIER (Herkunft, Identität, Entwicklung und Respekt)“ – Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband Gesamtverband e.V.

Im Saarbrücker Wohnquartier Wackenberg leben seit letztem Jahr Flüchtlinge. Das einzige Asylbewerberheim des Saarlands war schnell so überfüllt, dass die Menschen zügig auf alle Kommunen verteilt wurden. „Auf dem Wackenberg, ein Wohnquartier mit vielschichtigen sozialen Problemlagen, wurden im Laufe des letzten Jahres über 130 Flüchtlinge untergebracht und auf ehemalige Sozialwohnungen verteilt“, berichtet Lena Schmidt von der Arbeitsgruppe „Offene Kinder- und Jugendarbeit“ der Pädagogisch-Sozialen Aktionsgemeinschaft (PÄDSAK) e.V. Seit rund 40 Jahren ist PÄDSAK Träger der Gemeinwesenarbeit auf dem Saarbrücker Wackenberg. 60 weitere Flüchtlinge kamen in diesem Jahr außerdem im angrenzenden Stadtteil St. Arnual unter.

Das Thema Flüchtlinge spaltet die Gegend. Bereits die Ankündigung, dass sich diese im Viertel niederlassen, sorgte neben viel positiver Resonanz und einer Welle der Hilfsbereitschaft, auch für Unruhe. „Es gab typische Aussagen wie ‚Die bekommen alles und an uns denkt keiner mehr!‘ und bei manchen kam Neid auf“, erzählt Schmidt. Zu vielen Familien hat PÄDSAK bereits seit drei Generationen intensiven Kontakt.

Hitzige Diskussionen über Flüchtlinge fanden auch im Jugendzentrum „JuZ United“ und im Fußballverein FC St. Arnual statt. Überall wurde deutlich, dass gerade Kinder und Jugendliche großen Redebedarf zu diesem Thema haben. „Also schlossen wir drei uns zusammen und entschieden, dass wir einen Antrag bei ‚Kultur macht stark‘ stellen, um mit jungen Leuten aus unserem Stadtteil bewusst zu dieser Thematik zu arbeiten.“

Denn während sich im Jahr zuvor das „Kultur macht stark“-Projekt „Cool genug?!“ mit kreativen Methoden kritisch mit dem Thema Drogen auseinandersetzte, dreht sich „Bunt genug?!“ darum, wie „bunt“ eine Gesellschaft sein kann und sollte. Schwerpunkt des Projektes ist globales Lernen. Mit dieser Thematik setzen sich die Kinder und Jugendlichen beispielsweise beim „Weltverteilungsspiel“ auseinander. Dabei schätzen sie, wie Reichtum und Bevölkerung auf die einzelnen Weltregionen verteilt sind. „Die Kinder denken, in Deutschland seien die allermeisten Flüchtlinge auf der ganzen Welt, und bei diesem Spiel merken sie, dass es anders ist. Das ist die spannendste Reaktion“, berichtet die Jugendbetreuerin.

Jeder Workshop wird von einer professionellen Honorarkraft angeleitet und von zwei pädagogischen Fachkräften begleitet. Zu den Ganztages-Veranstaltungen gehört neben dem Rap-Workshop auch ein Filmprojekt, bei dem Kinder Ende November aus selbst gemalten Bildern und Sprechertext Kurzfilme über Flucht oder Diskriminierung produzieren. „Für die Unterstützung durch ‚Kultur macht stark‘ sind wir sehr dankbar. Denn derartig geschulte Honorarkräfte wie für unsere Rap-Workshops könnten wir ansonsten nicht bezahlen“, erklärt die Sozialpädagogin.

Ein Workshop behandelte ausführlich das Thema „Flucht“ und in diesem Kontext erzählten zwei Flüchtlinge aus dem Stadtteil den Kids persönlich von ihrem jeweils beschwerlichen Weg nach Deutschland. Dabei kenterten beide auf dem Meer, einer von ihnen landete in Ungarn in einer Art offenem Gefängnis und wurde von Einheimischen mit verdorbenen Lebensmitteln beworfen. „Als sie das hörten, waren die Jugendlichen sehr betroffen, einige haben sogar geweint, weil sie die beiden kennen und das nicht erwartet hätten.“

Doch traurige Momente wie diese sind die Ausnahme. „Die Kinder hatten und haben Spaß am Projekt: Obwohl sie zur Ganztagsschule gehen, sind sie fast immer vollzählig zu unseren Workshops am späten Nachmittag gekommen“, sagt Schmidt über die 10- bis 16-Jährigen. Außerdem fuhr die Gruppe Ende Oktober zu einer viertägigen Exkursion nach Berlin. „Da haben wir gemerkt, dass vieles aus den Workshops schon gefruchtet hat und viele Themen den Kindern schon bekannt waren“, berichtet Lena Schmidt über den Ausflug, bei dem die Kinder unter anderem das Holocaust-Mahnmal und den Bundestag besichtigten.